{"id":4383,"date":"2024-03-04T15:57:05","date_gmt":"2024-03-04T14:57:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/?page_id=4383"},"modified":"2024-03-05T10:00:29","modified_gmt":"2024-03-05T09:00:29","slug":"k_aufklaerung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/k_aufklaerung\/","title":{"rendered":"k_aufkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; background_color=&#8220;#ce1b18&#8243;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_text content_tablet=&#8220;&#8220; content_phone=&#8220;&#8220; content_last_edited=&#8220;on|desktop&#8220; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; header_text_color=&#8220;#ffffff&#8220; header_2_font=&#8220;||||||||&#8220; header_2_font_size=&#8220;30px&#8220; header_2_text_shadow_style=&#8220;none&#8220;]<\/p>\n<h1>Kairos. Der Richtige Moment<\/h1>\n<h2>Enlightenment and Rococo<\/h2>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section][et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; background_color=&#8220;#ffffff&#8220;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; header_2_font=&#8220;||||||||&#8220; header_2_text_color=&#8220;#ce1b18&#8243; text_orientation=&#8220;left&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; text_font_size_tablet=&#8220;14px&#8220; text_font_size_phone=&#8220;&#8220; text_font_size_last_edited=&#8220;on|tablet&#8220; header_2_text_shadow_style=&#8220;none&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<h3>Daniel Kehlmann<\/h3>\n<h2>Aufkl\u00e4rung: ein Zeitalter, eine Geisteshaltung<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren erz\u00e4hlte mir ein befreundeter englischer Schriftsteller eine Geschichte aus Indien. Ich wei\u00df nicht, ob sie wahr ist, oder ob er sie aus einer Laune heraus erfunden hat, darauf kommt es auch nicht an. Es kommt auch nicht auf die Geschichte selbst an, sondern darauf, wie er sie erz\u00e4hlte. Ein ber\u00fchmter Guru, sagte er, habe irgendwo im weiten Indien behauptet, er habe solche Kr\u00e4fte der Konzentration entwickelt, da\u00df er einen Menschen allein durch Gedanken t\u00f6ten k\u00f6nne. Diese Behauptung habe die Runde gemacht und sei an vielen Orten abgedruckt worden, bis sich der Vorstand einer indischen Freidenkervereinigung, denn auch so etwas gebe es in Indien, wo es ja fast alles gebe, zu Wort gemeldet und den Guru herausgefordert habe: Dann solle er ihn also bitte t\u00f6ten. Er stelle sich zur Verf\u00fcgung!<br \/> Mein Freund verschr\u00e4nkte die Arme und sah mich am\u00fcsiert an. Und nat\u00fcrlich habe sich, erz\u00e4hlte er weiter, auch ein Fernsehsender gefunden, der diese Konfrontation habe live \u00fcbertragen wollen. Die beiden seien ins Studio gekommen &#8211; der Guru und der Freidenker, sie h\u00e4tten einander gegen\u00fcber Platz genommen, und der Guru habe sich konzentriert. Es habe aber nicht funktioniert. Der Freidenker sei nicht gestorben, sondern sei vielmehr triumphierend wieder abgefahren, aber der Guru habe erkl\u00e4rt, er habe sich offenbar doch nicht gen\u00fcgend vorbereitet und habe um ein Rematch gebeten, das ihm der Freidenkervorstand auch umgehend zugesagt habe.<br \/> Mein Freund lachte. Diesmal habe der Guru die Sache ernst genommen. Er habe sich wirklich vorbereitet, Tag um Tag, Nacht um Nacht. Er habe gefastet, habe meditiert, habe sich sexueller Bet\u00e4tigung enthalten. Innerlich und \u00e4u\u00dferlich gereinigt habe er sich, habe Kr\u00e4fte gesammelt wie ein Sportler vor dem Wettkampf.<br \/> \u201eUnd dann trafen sie sich zum zweiten Mal. Und der Guru konzentrierte sich und sammelte alle Kr\u00e4fte, vor den Kameras, und konzentrierte sich und konzentrierte sich \u2026\u201c<br \/> Mein Freund verstummte. Nachdenklich und fr\u00f6hlich blickte er in die Luft. Ich wartete. Aber er sprach nicht weiter.<br \/> \u201eJa und?\u201c<br \/> Mein Freund sah mich mit gerunzelter Stirn an.<br \/> \u201eWas ist passiert?\u201c fragte ich. \u201eWie ging es weiter?\u201c<br \/> Er musterte mich mit einem Ausdruck grenzenlosen Erstaunens. Dann sch\u00fcttelte er mi\u00dfbilligend und sp\u00f6ttisch den Kopf.<br \/> Hier endet die Geschichte. Wie gesagt, sie handelt nicht von dem Guru und dem Freidenker, sondern sie handelt davon, was Aufkl\u00e4rung ist. Denn als ich meinem klugen Freund ins Gesicht sah, traf mich die Erkenntnis wie ein Blitzschlag: Was f\u00fcr eine l\u00e4cherliche Frage hatte ich da gestellt!<br \/> Nat\u00fcrlich war nichts passiert, <em>nat\u00fcrlich<\/em> war der Guru wieder unverrichteter Dinge abgefahren &#8211; f\u00fcr einen klaren und orientierten Kopf war das so selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df es nicht eigens erz\u00e4hlt werden mu\u00dfte. Ich hatte mich bisher auch f\u00fcr einen aufgekl\u00e4rten Menschen gehalten, auch f\u00fcr einen Anh\u00e4nger der Wissenschaft und der Vernunft, und doch: Dieser Moment, das erstaunte Auflachen meines Freundes, und auch die sch\u00f6ne Offenheit der Geschichte von den zwei M\u00e4nnern aus Indien, die eben keines Abschlusses bedurfte, bedeutete f\u00fcr mich einen Augenblick echten Lernens.<\/p>\n<p>Das ist Aufkl\u00e4rung. Eine historische Epoche, nat\u00fcrlich, aber vor allem auch aus dieser Epoche geboren eine Geisteshaltung, und zwar eine, die es nicht immer gab, und die es vielleicht nicht immer geben wird &#8211; eine Haltung der Skepsis, die heiter macht, die dem Menschen Fr\u00f6hlichkeit schenkt und die ihm vor allem seine \u00c4ngste nimmt.<br \/> Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte es der nichtaufgekl\u00e4rte Mensch sein, der ohne Angst durchs Leben geht &#8211; wenn er sich sicher ist in seiner religi\u00f6sen Weltanschauung, k\u00f6nnte jeder seiner Momente gepr\u00e4gt sein von tiefem Gottvertrauen. Aber die Erfahrung lehrt, das ist nur in sehr wenigen F\u00e4llen so. Dass es keine D\u00e4monen gibt, dass Verw\u00fcnschungen nicht helfen, dass nicht st\u00e4ndig der Teufel auf unsere kleinsten Fehler lauert, um uns in die H\u00f6lle zu ziehen, diese Gewi\u00dfheiten hat uns die Aufkl\u00e4rung geschenkt. Sie hat uns auch das Wissen um die Unausweichlichkeit des Todes gebracht: kein Engel wird uns retten, kein gn\u00e4diger Heiliger uns in den Himmel ziehen, wo Glocken l\u00e4uten und selige Heerscharen singen. Doch merkw\u00fcrdigerweise scheint das ein geringes \u00dcbel im Vergleich mit der st\u00e4ndigen Angst, die das Leben f\u00fcr die Menschen bedeutete, die keine Aufkl\u00e4rung kannten.<br \/> \u201eDie Angst\u201c \u00fcberschreibt J\u00fcrgen Kuczynski eines der Hauptkapitel in seinem Standardwerk \u201eGeschichte des Alltags des deutschen Volkes\u201c, Band 1, 1600-1650, und er f\u00fchrt aus: \u201eStets hatte der Mensch Angst vor der Natur gehabt, und im Laufe der Zeit war diese Angst sogar vielleicht gewachsen, in jedem Fall war sie spezifischer geworden und hatte zur Ausbildung eines au\u00dferordentlichen Systems des Aberglaubens gef\u00fchrt, dessen H\u00f6hepunkt wahrscheinlich in unserer hier betrachteten Zeit erreicht wurde.\u201c Der Aberglauben war also nicht ein Gesch\u00f6pf des sogenannten \u201efinsteren Mittelalters\u201c, er war, wie die Hexenverfolgungen eines der fr\u00fchen Neuzeit und der Verwirrung, die das Ph\u00e4nomen der neuen Medien, also der \u00fcberall entstehenden Druckwerke, die ja nicht nur Verstehen und Wissen, sondern auch Panik und Wut in die Welt trugen, ins Geistesgef\u00fcge der Menschen brachten. Auch Gustav Freytag schreibt in seinen \u201eBildern aus der deutschen Vergangenheit\u201c: \u201eDie Furcht, eine bebende, kl\u00e4gliche Furcht umzog entnervend die Herzen. Immer war [der Menschen] Gem\u00fct voll von Aberglauben gewesen, jetzt wurde mit r\u00fchrender Leichtgl\u00e4ubigkeit alles aufgesucht, was als Eingreifen \u00fcberirdischer Gewalten gedeutet werden konnte. Man sah am Himmel die schrecklichsten Gesichter, man fand die Anzeigen furchtbaren Unheils in zahlreichen Mi\u00dfgeburten, Gespenster erschienen, unheimliche Laute klangen vom Himmel und auf der Erde.\u201c<\/p>\n<p>Geschichte schreitet dialektisch voran. So wie ein Gedanke seinen eigenen Widerspruch hervorbringt, wenn er nur richtig gedacht und konsequent zu Ende gef\u00fchrt wird, so bringen auch Epochen der Geistesgeschichte ihren Gegensatz hervor &#8211; abstrakt betrachtet ist auch das ein Schritt voran, aber das hei\u00dft nicht unbedingt, da\u00df die Welt wohnlicher oder auch nur angenehmer wird. Als am Ende des Mittelalters die Macht der Kirche abnahm, als dann durch die Reformation und die Flut der Druckschriften eine immer gr\u00f6\u00dfere Unordnung in die Welt kam, wuchs mit der Freiheit auch die Angst. Die europ\u00e4ischen Hexenverfolgungen gingen nicht in erster Linie von der Kirche aus, sondern von einer Explosion der Furcht in der Bev\u00f6lkerung &#8211; und nat\u00fcrlich von Aberhunderten B\u00fccher und Brosch\u00fcren \u00fcber das angeblich grassierende Hexenunwesen. Das Christentum brachte aus sich selbst die Reformation hervor, aus dieser entstand eine Epoche der Zweifel, Angst, Wut und Wirrnis, und erst als all die Wut sich in den Europ\u00e4ischen Religionskriegen entladen hatte, als die Religionen sich selbst so weit geschw\u00e4cht hatten, da\u00df ihre Macht \u00fcber das Bewu\u00dftsein der Menschen nachlie\u00df, kam es zum n\u00e4chsten dialektischen Schritt: Statt Gott und den Geboten der Obrigkeit begann man vorsichtig, der Vernunft zu vertrauen. Es kam zu Fortschritten in der Wissenschaft und in der Medizin, es kam zu Verbesserungen des allt\u00e4glichen Lebens, und infolge dessen sch\u00f6pfte man Zutrauen in die M\u00f6glichkeiten des Denkens.<\/p>\n<p>Keiner, der \u00fcber die Aufkl\u00e4rung spricht, kann es vermeiden, Kants ber\u00fchmte Zeilen aus seiner <em>Beantwortung der Frage was ist Aufkl\u00e4rung<\/em> zu zitieren. \u201eAufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit. Unm\u00fcndigkeit ist das Unverm\u00f6gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unm\u00fcndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie\u00dfung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. <em>Sapere aude!<\/em> Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl\u00e4rung.\u201c Kant umrei\u00dft hier das Zeitlose an der Aufkl\u00e4rung &#8211; sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, das ist eben nicht nur die Beschreibung eines historischen Moments, sondern es ist eine zeitlose Handlungsanweisung an alle Menschen, zu allen Zeiten, unter allen nur denkbaren Umst\u00e4nden. Es lohnt sich aber auch, noch die n\u00e4chsten S\u00e4tze zu zitieren: \u201eFaulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so gro\u00dfer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur l\u00e4ngst von fremder Leitung frei gesprochen [\u2026], dennoch gerne unm\u00fcndig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vorm\u00fcndern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unm\u00fcndig zu sein.\u201c<br \/> Die Aufkl\u00e4rung war kein monolithischer Block &#8211; so wie der Gedanke des Selbstdenkens und Selbstforschens unterschiedliche Aspekte hat, so bildeten sich unterschiedliche Schulen, Formen und Richtungen heraus: In der fr\u00fchen Aufkl\u00e4rung standen einander Spinoza und Leibniz gegen\u00fcber, beide unbeirrbar in ihrem Glauben an die Erkenntnistr\u00e4chtigkeit der mathematischen Methode. Leibniz sah die Welt als eine Ansammlung unendlich vieler Seelensubjekte, regiert von einer allwissenden vern\u00fcnftigen Gottes-Seele, der \u201eZentralmonade\u201c, w\u00e4hrend Spinozas Kosmos ein gewisserma\u00dfen mathematisches Gebilde ist, eine Folgerung aus den Regeln der reinen Logik, in dem nichts Unvern\u00fcnftiges existieren kann und auch kein Platz f\u00fcr ein H\u00f6heres Wesen ist, es sei denn, man verst\u00fcnde das logische Weltganze insgesamt als dieses H\u00f6here Wesen. Infolgedessen ist Spinoza auch einer der Urheber der modernen Bibelkritik: Aus der \u00dcberlieferung allein, schreibt er in seinem <em>Tractatus Theologico-Politicus<\/em>, sei kein Wahrheitsanspruch zu begr\u00fcnden; was in der Bibel stehe, der Vernunft aber zuwider sei, dem k\u00f6nne man auch keine gesetzgebende G\u00fcltigkeit zubilligen. Den gleichen Gedanken finden wir sp\u00e4ter bei dem radikalen Atheisten und Aufkl\u00e4rer David Hume: G\u00f6ttliche Offenbarung, ganz wie Geistererscheinungen, k\u00f6nnten nur f\u00fcr den von Relevanz sein, dem sie tats\u00e4chlich begegneten, und per definitionem f\u00fcr niemand anderen. Denn es sei immer sinnvoller, die Zuverl\u00e4ssigkeit des Berichterstatters in Zweifel zu ziehen, als tats\u00e4chlich die Existenz von Gespenstern oder g\u00f6ttlichen Botschaften f\u00fcr m\u00f6glich zu halten.<\/p>\n<p>Der einflu\u00dfreichste Polemiker der Aufkl\u00e4rung, Voltaire, war ein \u00fcberzeugter Deist &#8211; er glaubte an einen Gott, der vor Unzeiten die Welt geschaffen habe, der sich aber hernach nicht mehr in ihren Gang einmische, einen fernen, wohlmeinenden, aber nicht mehr f\u00fcr konkrete Anliegen oder gar Gebete erreichbaren Uhrmacher-Gott, der die Menschen sich selbst, in eigener Verantwortung, \u00fcberlassen habe. Demgegen\u00fcber stand Julien Offray de La Mettrie, Autor des Werkes <em>Der Mensch eine Maschine <\/em>bereits als Vertreter eines radikalen Materialismus: Wie es keinen Gott gebe, so sei auch der Mensch nicht bewohnt von irgendeinem g\u00f6ttlichen Geist, und so k\u00f6nne man den Menschen eben doch nicht anders betrachten, denn als einen Mechanismus, in dem keine unzerst\u00f6rbare, ewige Seele, also kein Geist aus der Maschine, lebe.<br \/> Bei Immanuel Kant, der das Konzept der Aufkl\u00e4rung im genannten Aufsatz besser beschrieben hat als jeder andere, ist all dies nat\u00fcrlich komplizierter: Gott und Seele sind bei Kant regulative Ideen, also Forderungen der Vernunft, denen man weder eine Existenz, noch eine Nichtexistenz dogmatisch zuschreiben sollte; zugleich ist Kant aber angetrieben von der Notwendigkeit, die Moral &#8211; oder wie er es nennt: das Sittengesetz &#8211; vor jeder Relativierung zu retten. Es k\u00f6nne sein, erkl\u00e4rt Kant, da\u00df noch nie ein Mensch wirklich moralisch gehandelt habe, aber selbst das \u00e4ndere nichts daran, da\u00df man Handlungen beobachte und das unersch\u00fctterliche Wissen habe, da\u00df diese so besser nicht h\u00e4tten geschehen sollen. Seiner <em>Kritik der reinen Vernunft, <\/em>die unser wissenschaftliches Wissen zugleich auf eine neue, sichere Basis stellt und unser metaphysisches Wissen gnadenlos relativiert, stellt Kant seine <em>Kritik der praktischen Vernunft<\/em> an die Seite, die uns klare Richtlinien gibt, wie wir unser Verhalten in einer Welt, in der kein Gott uns diktiert, was wir zu tun haben, durchdenken und ausrichten k\u00f6nnen.<br \/> Und nat\u00fcrlich mu\u00df man auch Lessing nennen, der eine gegen\u00fcber La Mettrie weit vorsichtigere, aber auch menschenfreundlichere Seite der Aufkl\u00e4rung vertritt, indem er den Toleranzgedanken betont. In seiner <em>Erziehung des Menschengeschlechts<\/em> k\u00fcndigt sich schon ein neuer, gewisserma\u00dfen geschichtstheologischer Ausblick, eine futuristische Hoffnung an, die weit \u00fcber die dezidierte N\u00fcchternheit von Hume oder La Mettrie hinausgeht: \u201eNein; sie wird kommen, sie wird gewi\u00df kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je \u00fcberzeugter sein Verstand einer immer bessern Zukunft sich f\u00fchlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgr\u00fcnde zu seinen Handlungen zu erborgen, nicht n\u00f6tig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willk\u00fcrliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem blo\u00df heften und st\u00e4rken sollten, die innern bessern Belohnungen desselben zu erkennen. Sie wird gewi\u00df kommen, die Zeit eines <em>neuen ewigen Evangeliums,<\/em> die uns selbst in den Elementarb\u00fcchern des Neuen Bundes versprochen wird.\u201c Und in seinem Theaterst\u00fcck <em>Nathan der Weise<\/em> schlie\u00dflich findet Lessing in der Parabel von den drei Ringen zur sch\u00f6nsten und machtvollsten Fabel, in die das Prinzip weltanschaulicher Toleranz jemals gekleidet wurde: \u201eEs strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring\u2019 an Tag zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Vertr\u00e4glichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott, zu H\u00fclf\u2019! Und wenn sich dann der Steine Kr\u00e4fte bei euern Kindes-Kindeskindern \u00e4u\u00dfern: So lad\u2019 ich \u00fcber tausend tausend Jahre, sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen, als ich; und sprechen.\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, die Aufkl\u00e4rung hat viele Gegner. Und zwar nicht etwa nur, wie das Klischee es nahelegt, die Agenten der Inquisituion, die B\u00fcttel der Unfreiheit, die L\u00fcgner und die Ausbeuter der Dummheit, nein, die dialektische Selbstbewegung des Gedankens brachte auch im Fall der Aufkl\u00e4rung ihre eigene, vern\u00fcnftig begr\u00fcndbare Gegenbewegung hervor: die Romantik.<br \/> Wo bleibe denn das Gef\u00fchl, hatten die Aufkl\u00e4rungs-Skeptiker von Anfang an gefragt, wo das Ahnen, das Sp\u00fcren, wo ist die Vieldeutigkeit, wo die Widerspr\u00fcchlichkeit der Seele? Wo bleibe der Glaube, wo bleibt die Magie?<br \/> Wahrscheinlich findet man die Einw\u00e4nde gegen die Aufkl\u00e4rung nirgendwo besser auf den lyrischen Punkt gebracht als im ber\u00fchmtesten Gedicht von Novalis:<\/p>\n<p><em>Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren<br \/> <\/em><em>Sind Schl\u00fcssel aller Kreaturen<br \/> <\/em><em>Wenn die, so singen oder k\u00fcssen,<br \/> <\/em><em>Mehr als die Tiefgelehrten wissen,<br \/> <\/em><em>Wenn sich die Welt ins freye Leben<br \/> <\/em><em>Und in die Welt wird zur\u00fcck begeben,<br \/> <\/em><em>Wenn dann sich wieder Licht und Schatten<br \/> <\/em><em>Zu \u00e4chter Klarheit werden gatten,<br \/> <\/em><em>Und man in M\u00e4hrchen und Gedichten<br \/> <\/em><em>Erkennt die wahren Weltgeschichten,<br \/> <\/em><em>Dann fliegt vor Einem geheimen Wort<br \/> <\/em><em>Das ganze verkehrte Wesen fort.<\/em><\/p>\n<p>Das ist wunderbar formuliert, aber es ist nat\u00fcrlich eine poetische und keine buchst\u00e4bliche Wahrheit. In der realen Welt wird niemand, der an einer Krankheit leidet, sich der Hoffnung hingeben, da\u00df die \u201eso singen oder k\u00fcssen\u201c diese besser zu heilen verm\u00f6gen als ein Facharzt oder da\u00df man \u201ein M\u00e4hrchen und Gedichten\u201c zuverl\u00e4ssigere Historiographie zu finden verm\u00f6chte als in soliden Geschichtsquellen. Auch Novalis glaubt das nat\u00fcrlich nicht &#8211; die Wahrheit, auf die er abzielt, ist eine poetische: Jene n\u00e4mlich, da\u00df die Menschenseele reich und widerspr\u00fcchlich ist, da\u00df uns eine Welt ohne \u00dcbersinnlichkeit zwar beruhigt, aber dann auch oft wieder als eine arme Welt erscheint, da\u00df wir die Religion in dem Augenblick, da wir von ihren Zw\u00e4ngen befreit sind, als Hort von Sicherheit und Geheimnis vermissen, und da\u00df das menschliche Verhalten niemals blo\u00df vern\u00fcnftigen Regeln und Grunds\u00e4tzen folgen kann &#8211; wir k\u00f6nnen die Widerspr\u00fcchlichkeit nicht ablegen, ja im Grunde wollen wir das gar nicht.<\/p>\n<p>Solche Einw\u00e4nde aber kann man nur als von der Aufkl\u00e4rung gepr\u00e4gter Mensch vorbringen. Auch Novalis ist ein solcher. All die Romantiker sind es, ob sie es wollen oder nicht. Nach einer beseelten Natur kann sich nur sehnen, wer diese nicht mehr als Hort des Todes und des unbestimmt B\u00f6sen erlebt. Die Gem\u00e4lde von Caspar David Friedrich, die Romane von E.T.A. Hoffmann, die Gedichte von Joseph von Eichendorff und eben Novalis &#8211; all dies kann nur gedeihen wenn die Natur nicht mehr angstbesetzt ist und die K\u00fcnstler das Zutrauen haben, da\u00df sie nicht buchst\u00e4blich der Teufel holen wird, wenn sie ihre dunklen Phantasien in Bild und Wort setzen. Und auch der wirkungsm\u00e4chtigste Gegner der Aufkl\u00e4rung, Jean Jacques Rousseau, der als erster an die Kraft von Gef\u00fchl, Herkunft und Gemeinschaft appellierte, ist ebenfalls durch und durch Aufkl\u00e4rer, der weder die Autorit\u00e4t der Kirche, noch die Vorstellung einer animierten Natur oder eines g\u00fctigen Vaters im Himmel wiederherstellen m\u00f6chte, und der Streit zwischen ihm und seinem Antipoden Voltaire ist nicht ein Konflikt um die Aufkl\u00e4rung, sondern ein Konflikt zwischen Aufkl\u00e4rung.<br \/> Der romantische Angriff gegen die Aufkl\u00e4rung aus dem Geist der Aufkl\u00e4rung &#8211; der \u201eAufstand gegen den Mythos einer idealen Welt\u201c, wie Isaiah Berlin ihn beschrieb &#8211; hat nat\u00fcrlich ernstere Konsequenzen im in jeder Hinsicht ernsteren zwanzigsten Jahrhundert gefunden: Hier trifft der Geist der Aufkl\u00e4rung auf den Einwand, da\u00df die Wissenschaft ja schlie\u00dflich Giftgas und Atombomben m\u00f6glich gemacht hat und da\u00df auch ihre bisher letzte Erfindung, die K\u00fcnstliche Intelligenz, ebensogut zum Segen der Menschheit wie zu deren Ausl\u00f6schung f\u00fchren k\u00f6nnte. Das ist alles richtig &#8211; und doch w\u00fcrden auch die, welche diese Vorw\u00fcrfe eloquent vortragen, in keiner anderen Zeit zum Zahnarzt gehen wollen als in der unseren, und sie w\u00fcrden sich auch kein Leben zur\u00fcckw\u00fcnschen, in der man jeden Menschen, der einen mit b\u00f6sem Blick ansieht, der \u00dcbertragung \u00fcbler Geister verd\u00e4chtigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung ist eine historische Periode, die nach den europ\u00e4ischen Religionskriegen begann und bis zur Franz\u00f6sischen Revolution andauerte. Sie ist aber auch eine Geisteshaltung &#8211; und zwar die beste, die vern\u00fcnftigste, die anst\u00e4ndigste, die am meisten Erfolg versprechende, die einem denkenden Menschen zu Gebote steht. Sich des eigenen Verstandes ohne Anleitung durch einen anderen zu bedienen &#8211; wie viele schlechte Dinge w\u00e4ren unterblieben, in jedem einzelnen Leben, sowie in der Weltgeschichte als ganzem, h\u00e4tte man sich an Kants \u201eWahlspruch der Aufkl\u00e4rung\u201c gehalten! Die Versuchung, sich nicht wie ein aufgekl\u00e4rter Mensch zu verhalten, ist immer da, in jeder Situation, ja sogar bei jeder spannenden Geschichte. Der Guru und sein Gegner, sie sitzen einander gegen\u00fcber, der Guru konzentriert sich, wie geht der Kampf aus?<br \/> Nun ja, lacht der Aufkl\u00e4rer, wie soll er schon ausgehen?<br \/> Und dann erinnert man sich und lacht ebenfalls, befreit und ein wenig besch\u00e4mt zugleich. So wie ich zugleich mich besch\u00e4mt und befreit f\u00fchlte, als mein Freund an dieser Stelle die Geschichte abbrach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_button button_url=&#8220;https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/kairos\/&#8220; button_text=&#8220;KAIROS. Der richtige Moment&#8220; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][\/et_pb_button][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kairos. Der Richtige Moment Aufkl\u00e4rung und RokokoDaniel Kehlmann Aufkl\u00e4rung: ein Zeitalter, eine Geisteshaltung &nbsp; Vor ein paar Jahren erz\u00e4hlte mir ein befreundeter englischer Schriftsteller eine Geschichte aus Indien. Ich wei\u00df nicht, ob sie wahr ist, oder ob er sie aus einer Laune heraus erfunden hat, darauf kommt es auch nicht an. Es kommt auch nicht [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"class_list":["post-4383","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4383","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4383"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4383\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4412,"href":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4383\/revisions\/4412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4383"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}