{"id":4401,"date":"2024-03-04T17:15:58","date_gmt":"2024-03-04T16:15:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/?page_id=4401"},"modified":"2024-03-05T10:54:07","modified_gmt":"2024-03-05T09:54:07","slug":"k_der_eiffelturm","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/en\/k_der_eiffelturm\/","title":{"rendered":"k_der_eiffelturm"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; background_color=&#8220;#ce1b18&#8243;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_text content_tablet=&#8220;&#8220; content_phone=&#8220;&#8220; content_last_edited=&#8220;on|desktop&#8220; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; header_text_color=&#8220;#ffffff&#8220; header_2_font=&#8220;||||||||&#8220; header_2_font_size=&#8220;30px&#8220; header_2_text_shadow_style=&#8220;none&#8220;]<\/p>\n<h1>Kairos. Der Richtige Moment<\/h1>\n<h2>Turn of the century and Modernity<\/h2>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section][et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; background_color=&#8220;#ffffff&#8220;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; header_2_font=&#8220;||||||||&#8220; header_2_text_color=&#8220;#ce1b18&#8243; text_orientation=&#8220;left&#8220; custom_margin=&#8220;||1px||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;||0px|||&#8220; text_font_size_tablet=&#8220;14px&#8220; text_font_size_phone=&#8220;&#8220; text_font_size_last_edited=&#8220;on|tablet&#8220; header_2_text_shadow_style=&#8220;none&#8220;]<\/p>\n<h3>Barbara Vinken<\/h3>\n<h2>Der Eiffelturm<\/h2>\n<h3>Vom Turm zu Babel zu Notre Dame de Paris<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbParis, mais c&#8217;est la Tour Eiffel\/ Avec sa pointe qui monte au ciel.\u00ab[1]<\/p>\n<p>Nie h\u00e4tte ich einen Gedanken an den Eiffelturm verschwendet, wenn ich ihn nicht vom Fenster meiner Wohnung \u00fcber dem D\u00e4chermeer schlank in den Himmel ragen s\u00e4he. Tags steht er mir bei Wind und Wetter vor Augen, verschwindet er in Nebelschwaden oder Regen, gl\u00e4nzt er in der Sonne. Die Stunden der Nacht k\u00fcndet er nicht wie die Kircht\u00fcrme mit Glocken, sondern mit einem Feuerwerk, das die ville lumi\u00e8re zu jeder vollen Stunde f\u00fcr f\u00fcnf Minuten flirrend erfasst. Im Himmel von Paris \u00fcberstrahlt er die hellsten Sterne \u2013 bis die letzte Metro f\u00e4hrt. Nachts h\u00fctet er meinen Schlaf, und wenn ich aufwache, ragt er verl\u00e4sslich \u00fcber der Stadt zu seinen F\u00fc\u00dfen. Paris ohne Eiffelturm, unvorstellbar. Und doch g\u00e4be es den Eiffelturm um Haares Breite nicht mehr. Aus Anlass der Weltausstellung 1889 und zum 100. Jubil\u00e4um der Franz\u00f6sischen Revolution errichtet, lief seine Konzession schon 1910 ab. Wie ist aus diesem zur Vorl\u00e4ufigkeit bestimmten Turm 100 Jahre sp\u00e4ter das mit sieben Millionen j\u00e4hrlich weltweit meistbesuchte Monument geworden: Wahrzeichen der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, Wahrzeichen der Moderne?<\/p>\n<p>Der sagenhafte Turm zu Babel blieb unvollendet \u2013 eine Ruine, nie fertiggestellt; \u201eDer gro\u00dfe Turmbau zu Babel\u201c von Brueghel dem \u00c4lteren stellt sie vor Augen. Turmbau war \u2013 immer schon, mythisch \u2013 ein k\u00fchnes, verwegenes, technisch hochversiertes, menschengemachtes Unternehmen. Falsch waren seine technischen Ersatzstoffe: nicht Stein, sondern Ziegel, nicht M\u00f6rtel, sondern Asphalt. Falsch sein Motiv: sich eigenm\u00e4chtig ein Denkmal zu setzen, sich im Aufruhr gegen die himmlischen M\u00e4chte zu erheben. (Gen 11, 1-9) Frevelhaft, erz\u00e4hlt das Buch Moses, suchten die Menschen in Babylon einen Turm zu bauen, \u201edes\u2019 Spitze bis an den Himmel reiche\u201c (Moses I, 11). Die Konsequenzen waren fl\u00e4chendeckend, epochal, verheerend.<\/p>\n<p>Zerstreut in alle L\u00e4nder werden die Babylonier in tragischer Ironie, weil sie einen Turm mit einer in den Himmel reichenden Spitze bauen wollten, der ihnen als vereinigendes Denkmal dienen sollte. Zum Scheitern verurteilt war ihr Projekt, weil der eifers\u00fcchtige Gott des Alten Testamentes in der Einheit der Menschen um seine Allmacht f\u00fcrchtete: nichts wird ihnen, geeint, unm\u00f6glich sein. Das zu verhindern, verwirrt er ihre Sprachen und zerstreut er sie in alle Winde.<\/p>\n<p>Babylon und sein Turm stehen f\u00fcr die Juden des Alten Testamentes wie f\u00fcr die r\u00f6mischen Kirchenv\u00e4ter unter keinem guten Stern. F\u00fcr Augustinus wird Babel zur Kurzformel all dessen, was auf der Welt falsch l\u00e4uft. Dem Buch Moses (10, 9) folgend, ist es in seiner Genealogie der weltlichen St\u00e4dte Nimrod, der gewaltige J\u00e4ger wider den Herrn, Nachfahre des Bruderm\u00f6rders Kains, der Babel und seinen Turm erbauen l\u00e4sst. (<em>Civitas Dei<\/em> XV, 17). Als Bauherren k\u00f6nnen wir ihn auf Bruegels Turmbau bewundern; turmhoch wie in der <em>Divina Commedia<\/em> (XXXI) ganz unten in der H\u00f6lle \u00fcberragt dort Nimrod tyrannisch seine Untertanen. Schon bei Moses ist Nimrod der \u201eerste Gewaltherrscher\u201c; das hebr\u00e4ische Nimrod hei\u00dft im Deutschen \u201eder Widerstreitende\u201c oder \u201eder sich Emp\u00f6rende\u201c und passt zur \u00fcberlieferten Charakterisierung eines Herrschers, der Autorit\u00e4t, unabh\u00e4ngig vom Walten Gottes, an sich gerissen hat.<sup> <\/sup>Der humanistische<span>\u00a0Staatstheoretiker Jean Bodin <\/span>(1530\u20131596) sah Nimrod als den ersten<span>\u00a0<\/span>despotischen K\u00f6nig der Weltgeschichte an.[2] Der Turmbau zu Babel wird zur Kurzformel f\u00fcr die aus dem tyrannischen Gr\u00f6\u00dfenwahn der Gottgleichheit geborene Bedrohung des Himmels. Die Stadt tr\u00e4gt das Schicksal, das sie ereilt, bereits im Namen: Babel ist Babbel, hei\u00dft Verwirrung, Entzweiung.<\/p>\n<p>Der Turmbau zu Babel ist in der Lekt\u00fcre des Augustinus Wiederaufnahme und Vollendung des Falls. Am Anfang steht der Hochmut im Begehren, das Eva antreibt, den Apfel zu essen: gottgleich werden zu wollen. In der Geschichte des Turmbaus will dieser Antrieb buchst\u00e4blich hoch hinaus, st\u00fcrmt er den Himmel. Sich zu erheben, dem eigenen Willen zu folgen, sich selbst zum Prinzip und Grund seiner selbst zu machen und zu verg\u00f6ttern, hei\u00dft Fallen. \u201eDu hast sie herabgest\u00fcrzt, da sie sich erhoben.\u201c (Ps. 72,18) \u201eDa sie sich erhoben, wurden sie herabgest\u00fcrzt.\u201c (<em>Civitas Dei<\/em> XIV, 13)\u00a0Aus der sich selbsterhebenden Selbstbegr\u00fcndung folgt die Entzweitheit des Selbst, die Revolte im Selbst gegen das Selbst, des Bruders gegen den Bruder, Entzweiung des Gesellschaftsk\u00f6rpers, Revolte aller gegen alle. Der Turm, der Zeichen, Denkmal der Einheit sein sollte, wird zum Anlass der Zerstreuung. Die Zerstreuung in alle Welt,\u00a0<em>diaspora<\/em>, entspricht nur der Vertreibung aus dem Paradies.<\/p>\n<p>Rom, im Hochmut eines den Himmel bedrohenden, hochaufragenden Bauwerks, dieser Selbsterhebung \u00fcber die ganze Welt, ist seit der christlichen Sp\u00e4tantike als neues Babel verfemt: \u201eVoy quel orgueil, quelle ruine\u201c, stellt Joachim Du Bellay in den <em>Antiquitez de Rome<\/em> das von der H\u00f6he niedergest\u00fcrzte Rom den ersten Touristen vor Augen.[3] (\u201eSieh diesen Hochmut, den Verfall \u2013 \u201c)[4]. Vom himmelragenden Rom, das in altem, babylonischem Hochmut den Himmel bedrohte, ist wie vom Turm von Babel nichts \u00fcbriggeblieben: \u201eToi qui de Rome emerveill\u00e9 contemples\/ L\u2019antique orgueil, qui menassoit les cieux\u201c.[5] (\u201eDer \u00fcberw\u00e4ltigt du von Rom betrachtest\/ Den Hochmut, der dem Himmel einst getrotzt\u201c.)[6]<\/p>\n<p>Ungeachtet der Verdammung Babels hat sich die Welt darin gefallen, himmelragende T\u00fcrme zu bauen. Die T\u00fcrme, die Europa und Frankreich am nachdr\u00fccklichsten gepr\u00e4gt haben, erhoben sich nicht gegen den Himmel, sondern sollten den Himmel auf Erden ank\u00fcndigen; T\u00fcrme, nicht im eigenen Namen gebaut, sondern im Namen Unserer Lieben Frau, der Gottesmutter. Zu ihren F\u00fc\u00dfen scharten sich die \u00a0St\u00e4dte, \u00fcber denen sie sich sch\u00fctzend erhob. Jahrhunderte ragten die T\u00fcrme der Kathedralen als die h\u00f6chsten weit und breit. Sie k\u00fcndeten nicht von himmelsst\u00fcrmendem Hochmut, ragten nicht stolz, sondern verk\u00fcndeten un\u00fcbersehbar die Verehrung des H\u00f6chsten. Nicht massiv stemmten sie sich gegen den Himmel; sie wuchsen schlank wie B\u00e4ume, durch unglaubliches technisches K\u00f6nnen leicht, in filigranem Ma\u00dfwerk luftig in die L\u00fcfte. Leicht wurde im gotischen Stil der Kathedralen noch das Schwerste, der Stein, und machte die Kathedralen in Arabesken zu Schmuckst\u00fccken: Ausdruck nicht des chaotischen Kampfes der Menschen gegen die G\u00f6tter, sondern harmonisch sch\u00f6n geordneter Kosmos. In Frankreich, der \u00e4ltesten Tochter der Kirche, sind fast alle gotischen Kathedralen Notre-Dame gewidmet; unter ihrem Schutz vers\u00f6hnen sie Himmel und Erde.[7]<\/p>\n<p>Inzwischen l\u00e4sst der Wettstreit um den h\u00f6chsten Turm die Europ\u00e4er eher kalt. Wir finden es nicht mehr interessant, H\u00f6hen-Weltrekorde aufzustellen. Das \u00fcberlassen wir anderen, die glauben, sie h\u00e4tten es n\u00f6tig: Angeberei, Kompensation, positivistische Faktenhuberei. Den Gr\u00f6\u00dften zu haben, interessiert immer weniger, nicht zuletzt wegen all der Trump Towers, die in den USA mit dem Namen ihre \u00fcbertrumpfende Natur verraten. Liegt diese Gleichg\u00fcltigkeit daran, dass wir die Babel-Lektion gelernt haben? Oder haben wir den Turm zu Babel l\u00e4ngst gebaut, nur viel besser? Nicht mehr in blindem Hochmut, sondern nach dem Vorbild der Kathedralen als einen Turm, der zu seinen F\u00fc\u00dfen die Stadt versammelt, als Wahrzeichen von \u00fcberall sichtbar Einheit herstellt und als Blitzableiter gar vor z\u00fcrnenden, blitzeschleudernden Gewittern schirmt? Eine Version der Schutzmantel-Madonna, eine Notre Dame der Moderne? Ein Antitypus zum Turm zu Babel? Dieser Turm, der den babylonischen Turm \u00fcberbietend aufhebt, ist der Eiffelturm.<\/p>\n<p>Der Eiffelturm ist wie alle T\u00fcrme im Franz\u00f6sischen weiblichen Geschlechts \u2013 la tour Eiffel. Das Chanson hat seine babylonische Herkunft ausgeplaudert, wenn es Stadt und Turm im Zeichen des Buches Mose mit der Spitze, die in den Himmel steigt, gleichsetzt: \u201eParis, mais c&#8217;est la Tour Eiffel\/ Avec sa pointe qui monte au ciel.\u201c Alles singt davon und spricht daf\u00fcr, dass der Eiffelturm die \u00dcberbietung, Erf\u00fcllung und Aufhebung des nie fertig gewordenen Turms zu Babel ist. Ein Turm wie der zu Babel, der aber nicht im Zeichen der Entzweiung, sondern der liebend sch\u00fctzenden Vereinigung steht und stehen geblieben ist. Dieser neue Turm \u00fcberragt im Stadtraum von Paris die reaktion\u00e4re, r\u00f6misch-byzantinische Kuppel des Sacr\u00e9 Coeur auf Montmartre, gebaut als S\u00fchne f\u00fcr die Gr\u00e4uel von Revolution und Kommune auf dem Berg des tats\u00e4chlich grundlegenden Martyriums des Reichsheiligen Saint Denis. Monumental erh\u00f6ht, hatte das Sacr\u00e9 Coeur die gotischen T\u00fcrme von Notre Dame in den Schatten gestellt. Wenn der Eiffelturm stehen geblieben ist, so liegt das an einer Arbeit am Mythos, die dem Stadtraum Bedeutung gibt, am Mythos des Eiffelturms, die sehr fr\u00fch einsetzte. Der Eiffelturm, f\u00fcr ein halbes Jahrhundert bis zum New Yorker Chrysler-Building 1930 der h\u00f6chste Turm der Welt und als Wunderwerk der Technik Vorbild f\u00fcr die Wolkenkratzer, die bald \u00fcberall in den Himmel schie\u00dfen sollten, wurde vom babylonischen Turm zum marianischen Turm umcodiert.<\/p>\n<p>Als der Eiffelturm mit seiner 322 Meter in den Himmel ragenden Spitze errichtet wurde, lag Babel in der Luft. Die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts verstand sich als ein neues Rom und wurde von ihren Kritikern, den Realisten wie Naturalisten \u2013 unisono, ist man versucht zu sagen \u2013 als ein neues Babel dargestellt. In Gustave Flauberts <em>Madame Bovary<\/em> wird das Rouen Louis Philippes als neues Babel bezeichnet; die <em>\u00c9ducation<\/em> zeichnet das Paris von 48, von Revolution und Staatsstreich als ein zweites Babel.[8] Emile Zola gibt das Paris des zweiten Kaiserreiches als neues Babel zu lesen. Das Paris der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, das Paris des Hochkapitalismus war Babylon, die dekadente Stadt der tyrannischen Gewaltherrschaft und der Eigensucht, der Korruption und Hurerei geworden, wo alles bedenkenlos den G\u00f6tzen Geld und Sex geopfert wurde. Und was urspr\u00fcnglich gegen Babel zeugte, die Kirche und mit ihr ihre sichtbarste Auspr\u00e4gung, die gotischen Kathedralen, wurden als Inbegriff alles Babylonischen diskreditiert; als k\u00e4ufliche, korrupte, sterile, perverse Institution im vergoldeten Bett mit einer tyrannischen Macht, wahlweise dem zweiten Kaiserreich oder der dritten Republik. Die T\u00fcrme von Notre Dame waren zu Zeichen einer unheiligen Allianz von Thron und Altar, einer despotischen, korrupten Herrschaft von Kirche und Staat geworden.<\/p>\n<p>Die Dichter errichten neue Kathedralen, die Kathedralen ihres Werkes, Buchstabenkathedralen, gegen die gotischen Kathedralen aus Stein, die sie babylonisch umbesetzten. Hier nur ein paar Anhaltspunkte: Victor Hugos <em>Notre Dame de Paris<\/em> kehrt verzerrt im Titel von Flauberts <em>Madame Bovary<\/em> wieder. Aus der Hugoschen Hure, die sich zum Muttersein bekehrt, wird bei Flaubert die Frau, die als Mutter ganz Hure wird. Zola brandmarkt die Kirche als monstr\u00f6se Hure Babylon und den Marienkult als eine moderne Form der Tempelprostitution.[9] Marcel Prousts <em>Bible d\u2019Amiens<\/em> schlie\u00dflich dreht John Ruskin im Vorwort zu seiner \u00dcbersetzung das Wort im Munde herum: Ruskins Frohe Botschaft, die dieser in der gotischen Kathedrale zu Amiens lebendig vor Augen gestellt sieht, straft Proust L\u00fcgen, wenn er eine \u00c4sthetik der Dekadenz dagegenstellt.[10]<\/p>\n<p>Es ist Guy de Maupassant, der die Umcodierung von Kathedralturm zum Turm von Babel am aggressivsten und, wenn dieser <em>pun<\/em> erlaubt ist, pointiertesten vollzieht. <em>Bel-Ami,<\/em> der bis heute meist verkaufte franz\u00f6sische Roman, erschien 1885 kurz vor dem Erbauen des Eiffelturms. Bis zur Fertigstellung des K\u00f6lner Doms im Jahre 1880 war der erst 1877 aufgesetzte, 151,5 Meter hohe, hoch \u00fcber Rouen ragende, gusseiserne Turm der Kathedrale <em>Notre Dame de l\u2019Assomption<\/em> der h\u00f6chste Turm der Welt. Eben dieser Turm bohrt in <em>Bel-Ami<\/em>, monstr\u00f6s h\u00e4sslich, ma\u00dflos und unterwerfend, seinen steilen Pfeil in den Himmel. Die im Tal der Seine wie Babel an den Ufern des Euphrat lasziv hingebreitete, sich mit tausend T\u00fcrmen in den Himmel streckende normannische Stadt beschreibt Maupassant auf dem Hintergrund des Babels der Apokalypse und des alttestamentlichen Babels des Turmbaus:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201ePuis la ville apparaissait sur la rive droite, un peu noy\u00e9e dans la brume matinale, avec des \u00e9clats de soleil sur ses toits, et ses mille clochers l\u00e9gers, pointus ou trapus, fr\u00eales et travaill\u00e9s comme des bijoux g\u00e9ants, ses tours carr\u00e9es ou rondes coiff\u00e9es de couronnes h\u00e9raldiques, ses beffrois, ses clochetons, tout le people gothique des sommets d\u2019\u00e9glises que dominait la fl\u00e8che aigu\u00eb de la cath\u00e9drale, surprenante aiguille de bronze, laide, \u00e9trange et d\u00e9mesur\u00e9e, la plus haute qui soit au monde.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Mais en face, de l\u2019autre c\u00f4t\u00e9 du fleuve, s\u2019\u00e9levaient [\u2026]. Et la plus \u00e9lev\u00e9e de toutes, aussi haute que la pyramide de Ch\u00e9ops, le second des sommets dus au travail humain, presque l\u2019\u00e9gale de la sa fi\u00e8re comm\u00e8re la fl\u00e8che de la cath\u00e9drale, la grande pompe \u00e0 feu de la Foudre semblait la reine du peuple travailleur et fumant des usines, comme sa voisine \u00e9tait la reine de la foule pointue des monuments sacr\u00e9s.\u201c[11]<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">(\u201eDann erschien, auf dem rechten Ufer, die Stadt selbst, noch ein wenig vom Morgennebel eingeh\u00fcllt, mit erstem Sonnenglitzern auf den D\u00e4chern, und ihre tausend T\u00fcrme, die einen schlank, die anderen spitz, wieder andere gedrungen, manche schm\u00e4chtig und bearbeitet wie riesige Juwelen, diese eckigen oder runden wappengeschm\u00fcckten T\u00fcrme, die m\u00e4chtigen und die kleinen Glockent\u00fcrme, die ganze gotische Heerschar von Kirchen, \u00fcber die der spitze Turm der Kathedrale hoch aufragte, diese h\u00e4\u00dfliche, sonderbare, alle Ma\u00dfe sprengende gro\u00dfe Bronzenadel, die gr\u00f6\u00dfte auf der Welt, von der der Betrachter \u00fcberrascht wird.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Auf der anderen Seit des Flusses, [\u2026] reckten sich [\u2026]. Und der h\u00f6chste von ihnen allen, der es an H\u00f6he mit der Pyramide von Cheops aufnahm, dem zweith\u00f6chsten Werk von Menschenhand, und fast an seinen stolzen Gevatter, den Turm der Kathedrale herankam, die gro\u00dfe Feuerpumpe der <em>Foudre<\/em>, wirkte wie der K\u00f6nig der Welt der Arbeiter und der Fabriken, wie sein Nachbar der Herrscher \u00fcber die Schar der turmbewehrten Gottesh\u00e4user war.\u201c[12])<\/p>\n<p>Industrie und Kirche sind in ihrem \u00fcberladenen Prunk, ihrer selbstherrlichen Macht vereint in ihrer weibischen, monstr\u00f6s ma\u00dflosen, brutal unterwerfenden, hochm\u00fctig himmelragenden Tyrannei. Im Okzident triumphiert mit dem Turm von Babel und den Pyramiden \u00c4gyptens der alte Orient. Maupassant schreibt dem Turm von Rouen mit seinem spitzen Pfeil noch das Attribut des gro\u00dfen J\u00e4gers Nimrod, des Gr\u00fcnders von Babel zu: es ist, als jagte die Kathedrale ihren Turm wie einen Pfeil in den Himmel.<\/p>\n<p>In Hugos Drama <em>La Fin de Satan<\/em> hatte eben dieser Nimrod, J\u00e4ger wider den Herrn, Jagd auf Gott gemacht und seinen Pfeil in den Himmel geschossen. Der Aufstand der Menschen gegen die Himmel, ihre despotische Unterwerfung unter diese gottesl\u00e4sterlichen M\u00e4chte ist in Rouen, diesem modernen Babel, perfekt.<\/p>\n<p>Nachdem die T\u00fcrme der Kathedralen in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts von pfingstlichen zu babylonischen T\u00fcrmen umcodiert worden waren und aus der jungfr\u00e4ulich m\u00fctterlichen Notre Dame die gro\u00dfe Hure Babylon geworden war, gab es Platz f\u00fcr einen neuen Turm. Ja, die Welt schrie geradezu danach. Einem Turm, der Babylon \u00fcberwindet \u2013 und der Eiffelturm wurde gebaut. Er stach die Kathedralt\u00fcrme nicht nur durch seine H\u00f6he aus; er lie\u00df auch den babylonischen Krieg gegen den Himmel hinter sich. In ihm erf\u00fcllte und verkehrte Pfingsten Babel nochmals. Das babylonische Sprachgewirr, in der keiner mehr den anderen versteht, wurde zum Wunder einer Stadt, in der alle in der Sprache der Sprachen sprechen, in der sich die sch\u00f6ne Ordnung des Kosmos wie ehedem im Latein, den sacrosanctae vetustatis offenbart.<\/p>\n<p>Auf der Weltausstellung 1889 sollte der Eiffelturm an die gro\u00dfe Franz\u00f6sische Revolution von 1789 erinnern, an die Geburtsstunde einer Republik geeint in Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit, die in diesem himmelragenden Wunderwerk franz\u00f6sischer Ingenieurskunst ihr hundertj\u00e4hriges Jubil\u00e4um feierte. Auf dem Champ de Mars steht der Turm genau dort, wo die Revolution im Fest des H\u00f6chsten Wesens die S\u00e4kularreligion der Republik einen ersten H\u00f6hepunkt erreichte: Als Wahrzeichen der von B\u00fcrgerkriegen erholten, geeinten Nation vereint der schlanke Turm die Stadt, das Land, Himmel und Erde, Kirche und Staat und strahlt in die Welt.<\/p>\n<p>Die Kritik an diesem zu Anfang h\u00f6chst umstrittenen Bauwerk artikulierte sich in babylonischen Termini: als zu kolossal, zu ma\u00dflos, alle anderen Monumente durch seine Riesenhaftigkeit erdr\u00fcckend, ein Monster der Moderne, deren Dekadenz hier sinnf\u00e4llig wird. Erschwerend kam hinzu, dass Eiffel, der Erbauer, auch den Panamakanal geplant hatte, Anlass f\u00fcr einen der gr\u00f6\u00dften Finanzskandale der an Korruptionsskandalen nicht armen Dritten Republik war. So konnte sein Turm als Inbegriff der Korruption gesehen werden, die die Stadt zu seinen F\u00fc\u00dfen eisern im Griff hatte. Au\u00dferdem holte Eiffel mit dem Eisen, einem im Gegensatz zum Stein als unedel geltenden Materials die Fabrikarbeiter und die gef\u00e4hrlichen Vorst\u00e4dter, die industrielle Moderne und die gerade erst \u00fcberwundenen b\u00fcrgerkriegsartigen Klassenk\u00e4mpfe ins Herz der Stadt. Eiffel selbst hat eine wahrhaft babylonische \u00c4sthetik, eine \u00c4sthetik des ma\u00dflos Riesenhaften, des in Bewunderung Unterwerfenden, des k\u00fcnstlich Menschengemachten gegen die klassische, und nat\u00fcrlich im Kern kosmische klassizistische Norm der Ausgewogenheit und Angemessenheit gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die von Eiffel artikulierte, babylonische \u00c4sthetik hat den Turm sicher nicht gerettet. Stehen geblieben ist er als neuer, marianischer Turm der Liebe, der Freiheit und der Einheit, ein Turm des Schutzes, kurz, ein wahrer Kathedralturm auf dem neuesten Stand der Technik. Die gr\u00fcndliche Arbeit am Mythos lag darin, den babylonischen Fluch, der tyrannisch himmelsbedrohend und monstr\u00f6s steril \u00fcber der Stadt lag und die Romane der Zeit als <em>basso continuo<\/em> grundiert, in ein luftig himmelfahrendes Zeichen verbindender, ja, v\u00f6lkerverbindender fruchtbarer Liebe zu verwandeln. Der moderne Mythos machte den Turm zu etwas, das nicht verstreut und spaltet, sondern eint: Klassen und Geschlechter, Klassizismus und Moderne, Arbeiter und Bourgeois, Natur und Kultur. Er vers\u00f6hnt die Nation mit sich selbst im Zeichen einer so freien, wie einheitsstiftenden Liebe. Er eint sie allerdings gegen einen barbarischen Feind, der von au\u00dfen drohte und durchaus etwas Orientalisches, n\u00e4mlich hunnenhaft Monstr\u00f6ses an sich hat: die Deutschen.[13]<\/p>\n<p>So gibt Guillaume Apollinaire dem Turm eine Schutzfunktion, der Paris in eine friedliche arkadische Landschaft verwandelt; er vergleicht ihn mit einer Hirtin, die \u00fcber die bl\u00f6kende Herde der Br\u00fccken der Stadt wacht: \u201eBerg\u00e8re \u00f4 tour Eiffel le troupeau des ponts b\u00eale ce matin.\u201c[14] (\u201eHirte o Eiffelturm die Herde der Br\u00fccken bl\u00f6kt diesen Morgen.\u201c[15]) Es war Apollinaire, der den Eiffelturm in der Gestalt eines Buchstabenkalligramms als ein pfingstliches Bollwerk gegen die deutschen Barbaren, als eine Maria im Sieg errichtete. Der Eiffelturm vereinigt die Welt in so geistreichem, wie heilvollem Gru\u00df; er ist die sprachgewaltige Zunge der ganzen Welt. Aus diesem Mund von Paris streckt er als Hercule gaulois den Deutschen die Zunge heraus \u2013 oder schie\u00dft in witziger Doppeldeutigkeit auf sie: \u201eSalut, monde dont je suis la langue \u00e9loquente que sa bouche, o Paris, tire et tirera toujours aux allemands\u201c.[16] (\u201eHallo Welt, deren redegewandte Zunge ich bin, auf dass ihr Mund \u2013 oh Paris! \u2013 auf die Deutschen schie\u00dft und immer schie\u00dfen wird!\u201c)<\/p>\n<p><span><\/span><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/eiffelturm_salut_monde.png&#8220; title_text=&#8220;eiffelturm_salut_monde&#8220; align=&#8220;center&#8220; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][\/et_pb_image][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; header_2_font=&#8220;||||||||&#8220; header_2_text_color=&#8220;#ce1b18&#8243; text_orientation=&#8220;left&#8220; text_font_size_tablet=&#8220;14px&#8220; text_font_size_phone=&#8220;&#8220; text_font_size_last_edited=&#8220;on|tablet&#8220; header_2_text_shadow_style=&#8220;none&#8220;]<\/p>\n<p>Es liegt an den Kriegen gegen Deutschland, dem Erbfeind, dass dieser Turm vom Turm der v\u00f6lkerverst\u00e4ndigenden Eloquenz zum Symbol der Liebe wird. Als lichter, leichter, luftiger Liebesturm, als sublimer Marienturm wird er in den Mythos Paris integriert. Global allumfassend ist diese Liebe; verliebt, verstehen die jungen, sch\u00f6nen Amerikanerinnen, warum der Eiffelturm Kurzformel, pars pro toto f\u00fcr Paris ist. Mit ihm kommt man, alle Erdenschwere hinter sich lassend, sicher in den siebten Himmel der Liebeserf\u00fcllung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eUn jour une jeune et belle Am\u00e9ricaine<br \/> Voulut voir Paris et les bords de la Seine.<br \/> Elle visita les monuments, les mus\u00e9es<br \/> Les grands magasin, les rues et les caf\u00e9s,<br \/> Mais, voil\u00e0 qu&#8217;un soir, elle rencontra l&#8217;amour<br \/> Et maintenant quand on lui demande \u00e0 son tour<br \/> Quel est votre avis sur Paris, franchement :<br \/> Elle dit en rougissant<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Paris, mais c&#8217;est la Tour Eiffel<br \/> Avec sa pointe qui monte au ciel<br \/> La Tour de Pise, la Tour de Nesle,<br \/> La Tour de Londres sont bien moins belles.<br \/> On est toujours s\u00fbr avec elle<br \/> De monter jusqu&#8217;au septi\u00e8me ciel.<br \/> Paris ne serait pas Paris sans elle<br \/> Avec sa pointe qui monte au ciel.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Michel Emer: <em>Paris Tour-Eiffel<\/em><span>\u00a0<\/span>(1946)<\/p>\n<p>Roland Barthes hat den Eiffelturm zu einer neuen, einer besseren <em>Notre Dame de Paris<\/em> gemacht, allumfassend in freier, sch\u00fctzender Liebe verbindend. Sie, <em>die<\/em> Turm, verbindet als \u201esigne absolu\u201c die Stadt in der Freiheit, ihr Bedeutung zuzuschreiben \u2013 einer Freiheit, die auch die dunkelsten Kapitel der Geschichte der Stadt nicht haben nehmen k\u00f6nnen. Schreibt Barthes 1964, genau zwanzig Jahre nach der Befreiung von Paris: der Eiffelturm, widerst\u00e4ndiges Symbol gegen die deutsche Besetzung. Auch hier der Turm eine Maria im Sieg.<\/p>\n<p>Die Turm ist eine Frau, und zwar eine m\u00fctterliche Frau, denn sie wacht als Schutzmacht \u00fcber der Stadt. Alles Monstr\u00f6se, wie es Inbegriff des Babylonischen ist, weist Barthes ausdr\u00fccklich zur\u00fcck. Wie die Gl\u00e4ubigen dicht gedr\u00e4ngt unter dem ausgebreiteten Mantel der Madonna Schutz finden, so die Pariser, geschart zu seinen, oder eben ihren F\u00fc\u00dfen, besch\u00fctzt eingeh\u00fcllt.[17]<\/p>\n<p>Die Merkmale der gotischen Architektur, wie wir sie in <em>Notre Dame de Paris<\/em>, und mehr noch in der flamboyanten <em>Notre Dame de Rouen<\/em> ausgepr\u00e4gt sehen, findet Barthes in der Eisenkonstruktion Eiffels vollendet. Der luftige Turm lastet nicht auf der Erde, schwer und massig wie der monstr\u00f6se Turm zu Babel; leicht strebt er nach oben, empor in den Himmel. Sein Aufragen verdankt sich nicht dem Kolossalen, \u00fcberdimensional Gigantischen, sondern einem himmelfahrenden Zur\u00fccklassen aller Erdenschwere. In bezaubernder Leichtigkeit schwebt er schwerelos nach oben. Er wird eher in den Himmel aufgenommen, vom Himmel angezogen, als dass er den Himmel, bedrohlich gedrungen, erst\u00fcrmt. Der Eiffelturm wird bei Barthes zum Gegenteil alles massiv monumental Monstr\u00f6sen, alles tyrannisch t\u00f6dlich dekadent Lastenden, wie es der Turm zu Babel und auch die Pyramiden an sich haben. Dieser aufsteigende Turm geht nicht in die Breite; er ist nichts als eine schlanke, sich aufschwingende Linie, die verbindet \u2013 Grund und Gipfel, Himmel und Erde. Um sich schlie\u00dflich im Himmel zu verlieren. Sie verbindet die Pariser und die Welt im Blick auf sie, und sie verbindet die Stadt im Blick der Zuschauer von ihr herab.<\/p>\n<p>Eben dieses eher Erhebende als stolz Hochragende, dieses gen Himmel gezogen Werden, zeichnet die gotischen Kathedralen aus, die dem Gemeinplatz zufolge als ein in den Himmel wachsender, lichter, schlanker Buchenwald beschrieben werden. Wie in den gotischen Kathedralen wird der schwere Stein, oder hier das Eisen, zur schwerelosen Pflanze, Technik kunstvoll Natur. Das Menschengemachte wird naturalisiert. Eiffel behandelt, folgt man Barthes, das Eisen so wie die gotischen Baumeister den Stein. Das H\u00e4rteste wird durchbrochen zur zart luftigen Spitze: \u201ela Tour est une dentelle de fer, et ce th\u00e8me n\u2019est pas sans rappeler l\u2019\u00e9videment tourmente\u0301 de la pierre dont on a toujours fait la marque du gothique: la Tour relaye encore une fois ici la cath\u00e9drale.\u201c[18] (\u201eDer Eiffelturm ist ein Spitzengewebe aus Eisen, und dieses Thema erinnert an das m\u00fchselige Aussparen des Steines, das man von jeher zu einem Merkmal des Gotischen gemacht hat: auch hier l\u00f6st der Eiffelturm die Kathedrale ab.\u201c[19]) Luftig \u00fcberwindet Spitze die Schwerkraft der Materie. Das Durchbrochene, der Stein, das Eisen macht lichtdurchflutet den Himmel sichtbar. Diese \u00dcberf\u00fchrung des schweren, niedrigen Eisens in eine verschlungen schwebende Arabeske, diese Verwandlung vom Turm zu Pflanze, ja zur Blume macht ihn zum k\u00f6stlich kostbaren Schmuck. Die kosmische Ordnung wird durch la tour nicht monstr\u00f6s gesprengt, sondern wunderbar v\u00f6llig nat\u00fcrlich \u00fcberh\u00f6ht. Die Turm, luftig leicht hochragend, erbl\u00fcht: \u201eOn monte en elle comme dans une fleur d\u2019air et de fer: en elle se retrouvent la rectitude des fibres, l\u2019arabesque des p\u00e9tales, l\u2019\u00e9lancement serre\u0301 des bourgeons, l\u2019\u00e9talement des feuilles et le mouvement m\u00eame qui tire vers le haut cette mati\u00e8re compliqu\u00e9e et ordonn\u00e9e.\u201c[20] (\u201eMan steigt in ihm empor wie in einer Blume aus Luft und Eisen. In ihm finden sich die Geradlinigkeit der Fasern, die Arabesken der Bl\u00fctenbl\u00e4tter, das gedr\u00e4ngte Aufbrechen der Knospen, das Sichausbreiten der Bl\u00e4tter und die Bewegung, die diese ganze komplizierte und geordnete Materie nach oben zieht.\u201c[21])<\/p>\n<p>Diese aufstrebende Eisenluftblume ruft noch einmal das pr\u00e4chtige, \u00fcppige, strahlende Erbl\u00fchen der feingegliederten gotischen Rosenfenster, die Marienblume auf. Der Eiffelturm \u2013 eine durchscheinende Luftblume. Keine Blume des B\u00f6sen, sondern Rose ohne Dornen, oder, um es mit Maurice Chevalier zu sagen: \u201eFleur de chez nous, fleur du retour\u201c. Eine Blume, wie sie in Frankreich, in <em>Notre Dame de Paris<\/em>, in den himmlischen Lichtrosetten erbl\u00fcht. Und jetzt in den sublimen Arabesken der Tour. Sch\u00f6n und sch\u00fctzend, schwebend himmlisch, von allen geliebt und bewundert. Heimgeholt in einer letzten translatio studii von den barbarischen Goten zum Inbegriff des Franz\u00f6sischen, zum Inbegriff einer freien, gleichen, liebenden Moderne geworden: opus francigenum, \u0153uvre fran\u00e7aise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span>[1] Michel Emer, \u201eParis Tour-Eiffel\u201c (1946), Text und Musik, gesungen von Jacques Elian.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[2] Jean Bodin, <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Sechs B\u00fccher \u00fcber den Staat<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, M\u00fcnchen 1986, Buch 2,2.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[3] Joachim du Bellay, <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Les Antiquez de Rome. Die Ruinen Roms<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, \u00fcbers. v. Helmut Knufmann, Freiburg 1980, 18.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[4] Joachim du Bellay, 1980, 19.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[5] Joachim du Bellay, 1980, 66.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[6] Joachim du Bellay, 1980, 67.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[7] Vgl. zur Kirche als himmlisches Jerusalem Gegenstadt zu Babylon Friedrich Ohly, <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, Darmstadt 1977, 395. \u201eEinen den Turmbau wieder aufnehmenden Antitypus schuf jedoch erst des Pastors Hermae (gegen 150) Vision vom Bau des Turms der Kirche durch die Engel. Die Vorstellung vom antitypischen Gegenbau zum Turm von Babel im Turm der Kirche aus dem Pfingstgeist hat das 12. Jahrhundert aufgenommen und im Bilde dargestellt. Ob der mittelalterliche Kirchturm von der Vision des Turms der Kirche mitgepr\u00e4gt sei, bleibt zu fragen. W\u00e4re dies m\u00f6glich, st\u00fcnde ein grandioser Antitypus uns vor Augen.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[8] Barbara Vinken, <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Flaubert. Durchkreuzte Moderne<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, Frankfurt am Main 2009, 258f.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[9] Barbara Vinken, \u201eNana: Venus \u00e0 rebours. Das Paris des II. Empire als Wiederkehr Roms\/Babylons\u201c, in: <\/span><span style=\"font-size: 16px;\">Barbara Vinken (Hg.), <\/span><span style=\"font-size: 16px;\"><em>Translatio Babylonis. Unsere orientalische Moderne<\/em>, Paderborn 2015, 201-220, 201f.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[10] Vgl., Rebekka Schnell, \u201eDas Schillern der Figuren: Prousts \u201aVenise tout encombr\u00e9e d\u00b4Orient\u2018\u201c, in: <\/span><span style=\"font-size: 16px;\">Barbara Vinken (Hg.), <\/span><span style=\"font-size: 16px;\"><em>Translatio Babylonis. Unsere orientalische Moderne<\/em>, Paderborn 2015, 243-264.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[11] Guy de Maupassant, <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Bel-Ami<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, hrsg. v. Jean-Louis Bory, Paris 1973, 246.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[12] Guy de Maupassant, <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Bel-Ami<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, \u00fcbers. v. Hermann Lindner, M\u00fcnchen 2001, 226-227.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[13] F\u00fcr dieses monstr\u00f6s Orientalische der Deutschen siehe etwa L\u00e9on Werth zum Pariser Exodus im Juni 1940, <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">33 jours<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, Paris 1992.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[14] Guillaume Apollinaire, \u201eZone\u201c, in: <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Alcools. Suivis de Calligrammes<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, Paris 2013, 11.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[15] Guillaume Apollinaire, \u201eZone\u201c, in: <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Dichtungen. Zweisprachige Ausgabe<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, M\u00fcnchen 1978, 13.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[16] Guillaume Apollinaire, \u201e2e canonnier conducteur\u201d, in: <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Alcools. Suivis de Calligrammes<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, Paris 2013, 204.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[17] Roland Barthes, <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Der Eiffelturm, (mit Andr\u00e9 Martin)<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, \u00fcbers. v. Helmut Scheffel, Berlin 1970, 83.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[18] Roland Barthes, <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">La Tour Eiffel, (photographies d\u2019Andr\u00e9 Martin)<\/em><span style=\"font-size: 16px;\">, coll. \u201eLe g\u00e9nie du lieu\u201c, Paris 1964, 81.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[19] Roland Barthes: <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Der Eiffelturm, <\/em><span style=\"font-size: 16px;\">1970, 82.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[20] Roland Barthes: <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">La Tour Eiffel, <\/em><span style=\"font-size: 16px;\">1964, 82.<br \/><\/span><span style=\"font-size: 16px;\">[21] Roland Barthes: <\/span><em style=\"font-size: 16px;\">Der Eiffelturm, <\/em><span style=\"font-size: 16px;\">1970, 83.<\/span><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.7.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_button button_url=&#8220;https:\/\/www.mse-kunsthalle.de\/kairos\/&#8220; button_text=&#8220;KAIROS. 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