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Interview mit Ricky Gumbrecht

Ricky Gumbrecht wurde 1958 in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) geboren. Nach einem Studium der Linguistik und der französischen und spanischen Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum arbeitete sie als Gymnasiallehrerin. 1989 zog sie mit ihrer Familie nach Stanford. An der Pacific Art League in Palo Alto begann Gumbrecht ihre Ausbildung zur Künstlerin. Mit Terenia Offenbacker verbindet sie die gemeinsame Studio-Arbeit, bei der sich beide Künstlerinnen auf die technische Unterstützung und auf die Materialbeschaffung von Lowell Sims verlassen. Ihre Werke, meist großformatige Gemälde und Collagen zwischen Figuration und Abstraktion, wurden in Kalifornien ausgestellt und von amerikanischen und europäischen Sammlern erworben. Ricky Gumbrecht ist seit 1989 mit dem Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder in Kalifornien und zwei in Europa.

Unter dem Titel FORM COLOR MATTER PAINT zeigte ZOTT Artspace, die Vorgängerinstitution der mSE Kunsthalle, zum ersten Mal Werke der Künstlerin in Europa.

In Deinen Werken arbeiten Du mit Fundstücken und Worten. Gibt es etwas, das die Malerei allein nicht sagen kann?

Meine Bilder sollen eigentlich überhaupt nichts sagen. Fundstücke, Worte, Papier und Stoff sind einfach Gegenstände der Welt, die ich gerne in meine Arbeit integriere. Und Text ist vor allem ein meist schwarzweißes Designelement, oft auch etwas verwischt und nicht unbedingt lesbar.

Erzählt jedes Gemälde eine Geschichte?

Die Frage ist, ob ein Gemälde überhaupt eine Geschichte erzählen kann! Zumindest ist von mir keine Geschichte oder Bedeutung intendiert. Deshalb ist in meinen Augen der Titel eines Werkes oft schon zu viel Information. Ich benutze die Titel primär als Arbeitstitel, damit ich die Bilder identifizieren kann. Und natürlich sehe ich selbst in jedem Gemälde die Entstehungsgeschichte. Viele Bilder werden immer wieder umgearbeitet, und allein ich „sehe“ immer noch die älteren Versionen unter der Oberfläche.

Ist das Malen eine einsame Tätigkeit (vielleicht wie das Schreiben)?

Ich kann nur von mir selber sprechen: Für mich ist Malen keine einsame Tätigkeit, weil ich seit etwa zehn Jahren mit einer Freundin zusammenarbeite in einem Studio. Wir können uns gegenseitig beraten. Die nächste Instanz ist dann meine Familie, die oft konstruktive Kritik übt, denn es ist ja nicht offensichtig, wann ein abstraktes Werk „fertig“ ist.

Es gibt da Parallelen zum Schreibprozess, aber ich denke, Schreiben ist viel einsamer.

Ricky Gumbrecht
ISLAND IN THE SUN, 2009
Acryl auf Leinwand, 101,5 x 76 cm

Empfindest Du Freude oder Angst, wenn Du vor eine weiße Leinwand trittst? Kannst Du dieses Gefühl näher beschreiben?

Ich empfinde absolute Freude!!!!! Es ist der Thrill von unendlichen Möglichkeiten. Ich habe noch nie eine Malblockade (oder wie nennt man das Äquivalent von writer’s block?) erlebt. Ideen habe ich noch für drei bis vier Lebzeiten!

Wie bereitest Du Dich auf den ersten Pinselstrich vor? Gibt es Entwürfe? Oder eine klare Vorstellung in Deinem Kopf?

Zunächst einmal: Pinsel benutze ich selten und wenn überhaupt, dann als bewusstes Element. Meine Hauptwerkzeuge sind squeegees, Fensterwischer, Gummischieber oder Gummirakel sagt das Wörterbuch. Entwürfe gibt es nicht, meine Idee beschränkt sich höchstens auf vielleicht eine Farbkombination, oder ich habe Lust auf eine Collage mit Material, das ich frisch aufgestöbert habe.

Hast Du feste „Arbeitszeiten“ oder malst Du nur dann, wenn es sich richtig anfühlt?

Ich habe feste Arbeitszeiten, im Durchschnitt treffe ich mich drei bis viermal pro Woche treffe ich mich mit meiner Freundin in ihrem/unserem Studio für zirka drei Stunden. In der Zwischenzeit überlege ich mir, wie die Bilder weitergehen könnten. Oft arbeite ich an mehreren Bildern gleichzeitig, weil jedes von ihnen auch Zeit braucht, in der die Farbe trocknen muß. Natürlich ist nicht jedes Arbeitstreffen gleichermaßen ergiebig, manchmal gehe ich drei Schritte vor und zwei zurück und ab und an einfach nur drei Schritte zurück.

 

 

Ricky Gumbrecht
BREAKING WAVES, 2018
Öl auf Holz, 40,5 x 40,5 cm

Gibt es ideale Bedingungen, unter denen Deine Werke betrachtet werden sollten?

Es wäre schön, wenn die Betrachter keine bestimmte Bedeutung erwarteten und mit Offenheit einen emotionalen Gefühlsimpuls aufkommen ließen. Natürlich kann ich das nicht steuern.

Was muss der Betrachter wissen, um Deine Bilder zu verstehen? Muss er sie überhaupt verstehen? Was heißt für Dich „ein Bild verstehen“?

Verstehen bedeutet ja im Grunde, die Absicht eines Künstlers zu erfassen. Da ich aber keine besonderen Absichten habe, gibt es auch nichts zu verstehen.

Hast Du als Künstlerin eine Empfehlung, wie man sich einem Bild grundsätzlich nähern sollte?

Ähnlich wie bei der Frage des Betrachtens: Offenheit! Und Mut, eine eigene Reaktion unangestrengt und gelassen aufkommen zu lassen. Das Nähern möchte ich auch wörtlich nehmen: Komm näher dran an das Bild und schau es Dir von allen Seiten an.

Interessierst Du Dich für formale Probleme der Malerei (z.B. das Erzeugen bestimmter Stimmungen durch Farben, die Frage der Räumlichkeit auf der zweidimensionalen Leinwand etc.)?

Nicht in einer an sich theoretischen Art und Weise. Ich arbeite vor allem intuitiv und natürlich fälle ich beständig Geschmacksurteile, in denen ich auf formale Fragen der Malerei zurückgreife und so den Prozess der Bilder weiterleite.

Beschäftigst Du Dich viel mit der Kunstgeschichte? Was bedeutet sie Dir?

Sorry, aber die für meine Arbeit relevante Kunstgeschichte fängt erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts an, vor allem mit Pollock, Rothko, Rauschenberg… Ich kann frühere Kunstwerke durchaus schätzen, aber so richtig aufregend wird es für mich erst im erst im vergangenen kurzen Jahrhundert.

Ricky Gumbrecht
IN THE MIND’S EYE (2009)
Collage: Acryl, Papier, Stoff, Kleber, Transferspray und Alkohol, 101,5 x 101,5 cm

Siehst Du in Deinem eigenen Werk eine Entwicklung, eine eigene kleine Geschichte?

Ehrlich gestanden kaum. Vielleicht habe ich heute mehr Mut zur Farbe als am Anfang? Ich sehe, daß ich in den letzten Monaten an mehr surrealistische Kompositionen arbeite, und daß ich Ölfarben integriere.

Seit wann malst Du? Hast Du damit begonnen, bevor oder nachdem Du denken konntest?

Ich male „im Ernst“ seit ungefähr zwanzig Jahren. Als Kind habe ich auch gerne gemalt und der Kunstunterricht in der Schule hat mir großen Spaß gemacht, aber eine Karriere in Malerei kam für mich damals nicht in Frage. Da ich aus einer Arbeiterfamilie stamme, glaubte ich, ich müßte „etwas Vernünftiges“ lernen und ich bin Gymnasiallehrerin geworden. Später hatte ich dann glücklicherweise die Gelegenheit zu vertiefen, was mich WIRKLICH interessierte, wie ich entdeckte. Mein Handwerk habe ich in der Pacific Art League in Palo Alto gelernt bei Lehrern wie Dianne Erickson, Inge Infante und Stella Zhang.

Stellen Deine Bilder Fragen oder geben sie Antworten?

Meiner Meinung nach soll die Kunst eher (wie die Geisteswissenschaft nach Niklas Luhmann) eher die Komplexität unseres Weltbilds steigern als Probleme lösen. Sie ist nicht dazu da, das Leben einfacher zu machen – aber sicher schöner!

Die Künstlerin in der Ausstellung

Interview von Andreas Pawlitschko und Clemens Schmalhorst