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Winter ohne Märchen

kleine eiszeit

um 1600

Kleine Eiszeit: Winterfreuden vor der Katastrophe 

Ende November 1618 zieht ein Komet über Wochen seine Bahn am Himmel des Heiligen Römischen Reichs, so groß und hell, dass die Menschen ihn sogar tags mit bloßem Auge sehen. Wie jedes größere Naturereignis deuten sie auch dieses als himmlisches Zeichen – und es versetzt sie in Angst und Schrecken. Das Lukas-Evangelium gibt den Hinweis: Es ist eine Strafe Gottes. Und tatsächlich hat sich bereits großes Unheil angedeutet. Seit Jahrzehnten herrschen eisige Winter, Pest und Seuchen breiten sich aus und gerade hat ein Krieg begonnen, der 30 Jahre wüten wird.

Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts legt sich eine Kältewelle über die Natur, die das Leben vieler Generationen bestimmen soll. Die Temperaturen sinken um durchschnittlich zwei Grad Celsius, Ozeanströmungen verändern sich und das Wetter schlägt mit langen kalten Wintern, Stürmen und verregneten Sommern Kapriolen. In den Alpen zerstören Gletscher Bergdörfer, in Nordeuropa frieren die Wasserwege zu und weiträumig führen Kälte und Regen zu Missernten. Europa im Hungerwinter, bald begleitet von Pest und dem Dreißigjährigen Krieg.

Zunächst zeigt sich die Kleine Eiszeit jedoch auch von ihrer malerischen Seite mit Schneelandschaften und Wintervergnügen, die besonders Künstler in den Niederlanden faszinieren. Auf ihren Gemälden bevölkern Schlittschuhläufer, Eisfischer oder Flaneure die gefrorenen Gewässer und Menschen stapfen durch den Schnee. Hendrick Avercamp (1585-1634) gilt als der berühmteste Wintermaler. „Der Stumme von Kampen“, wie der taubstumme Niederländer auch genannt wird, gibt der Kleinen Eiszeit ein Gesicht. Ein bemerkenswertes Ereignis hält er jedoch nicht fest: den Kometen, der im Advent 1618 am Himmel erscheint und den die Menschen nach dem Lukas-Evangelium als Vorzeichen von einer der grausamsten Strafen deuten: von Hunger, Elend und dem Dreißigjährigen Krieg.

Mit Pelzkragen und mehreren Unterröcken wagen sich die Schaulustigen aufs Eis. Wolfgang Beltracchi legt die Figuren an, die sich auf dem Eis tummeln, um den Kometen zu beobachten. Avercamp arbeitete nach Skizzen im Atelier.

Von der Idee zum Gemälde

Wolfgang Beltracchi malt den großen Kometen C/1618 W1, der im November 1618 über Europa erscheint, in der Handschrift von Hendrick Avercamp. Die harte ökonomische und politische Realität des frühen 17. Jahrhunderts ist in Avercamps Werk nicht zu sehen. Wolfgang Beltracchi setzt sie nun mit dem „grausamen Kometen“ als böses Omen symbolisch ins Bild. Die Menschen auf dem Eis halten inne und betrachten das unheimliche Zeichen.

Was die Menschen damals als Strafe Gottes begriffen, besitzt bis heute Aktualität. Die Klimaveränderungen hoben die Welt aus den Fugen und zwangen die Menschen im Überlebenskampf zu neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lösungen, die bis in die Gegenwart reichen: Der Fernhandel, der zu neuer Prosperität verhalf, ebenso wie unsere säkulare Welt entwickelten sich. Zunehmende Erkenntnisse von Mathematikern und Astronomen, Veränderungen in den Anbaumethoden, die Erweiterung der Handelswege und die Eroberung der Welt beförderten die Entstehung frühaufklärerischen Denkens. Waren Forschung und Lehre bisher vornehmlich Mönchen vorbehalten, beanspruchten nun zunehmend auch Wissenschaftler aus dem städtischen Bürgertum einen Raum für gelehrte Diskussionen.

Für „Der grausame Komet“ eignet sich Beltracchi die Malweise von Hendrick Avercamp an. Der Künstler nutzte eine Grundierung aus mehreren Schichten dünn aufgetragener Smalte. Smalte ist zerstoßenes und pigmentiertes Kobaltglas.

Über diese blaue Grundierung legte er eine halbtransparente Schicht aus mit Grau vermischtem Bleiweiß. Diese Vorarbeiten verleihen den Gemälden ihren frostigen Schimmer.

Nun bevölkert sich das Eis! – In den Figuren ist die Grundierung noch klar zu erkennen.

Die kleine Eiszeit

Diese besondere Art der Landschaftsmalerei zeugt von der Faszination der Maler für die eisige Natur und die Anpassung der Menschen an ihr Umfeld. Hendrick Avercamp gilt als berühmtester Wintermaler.

1. Niederländisch

Auch wenn in Europa und der ganzen Welt die Temperaturen sinken, finden sich die ersten Winterlandschaften zunächst in den Niederlanden, wo die Landschaftsmalerei eine feste Tradition aufweist. 1565 malt Pieter Bruegel mit den „Jägern im Schnee“ das erste verschneite Landschaftsgemälde in Öl.

2. Volkstümlich

Die Bilder der Kleinen Eiszeit zeigen den Alltag der Bevölkerung. Arm und Reich, Jung und Alt – sie teilen sich den Bildraum, die Landschaft, Sorgen und Freuden des Winters.

3. Nuanciert

Die Maler verstehen es meisterhaft, die feinsten Zwischentöne und Färbungen von Schnee, Eis und Himmel in ihren Bildern festzuhalten. Gelb, hellblau, rosafarben, grau und weiß – den Lasuren sind keine Grenzen gesetzt.

4. Freude neben Leid

Leid und Freude des Winters stehen in den Gemälden oft nebeneinander. Schon bei Bruegels Jägern im Schnee kehren Jäger und Hunde allein mit einem mageren Fuchs als Beute zum Dorf zurück, eine Familie verbrennt ihre Möbel – im Hintergrund aber laufen Menschen Schlittschuh. Auch bei Avercamp sind auf den zweiten Blick tragische Szenen zu sehen, wie das im Eis eingebrochenen Paar in „Auf dem Eis“.

5. Kurze Phase

Ab 1660 erlahmt die Produktion der Winterbilder, ohne dass es bedeutend wärmer geworden wäre. Die prekäre ökonomische Situation lähmt die Nachfrage.

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