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Ernst Barlach
Kruzifix II, 1918
Gips, 120 x 110 x 20 cm
Leihgabe der Familie Barlach

Das „Kruzifix II“ von 1918 verbindet in einer vereinfachten Formensprache die leidvollen Erfahrungen von Barlachs Gegenwart mit der Tradition der Kreuzigungsdarstellung zu einem Werk des Trostes. Eine kurze kunstgeschichtliche Rekapitulation kann für die Betrachtung des Werks hilfreich sein.

Dass der Darstellung des Gekreuzigten in der christlichen Kunst zentrale Bedeutung zukommt, ist nicht selbstverständlich, sondern eine historische Entwicklung. Das älteste erhaltene Kruzifix stammt aus dem 9. Jahrhundert, aus der Antike ist dagegen keine Darstellung bekannt. Für die Christen der Spätantike war nicht die Kreuzigung die bildwürdige Besonderheit im Leben und Wirken Jesu, da so viele Menschen hingerichtet wurden, sondern die Auferstehung. Dies rufen auch die frühen Darstellungen der Kreuzigung in Erinnerung.

In der Romanik (10.—12. Jahrhundert) wird Jesus als Gott am Kreuz gezeigt, der keinen Schmerz fühlt, sondern über den Tod triumphiert. Jesus wird aufrecht und unbewegt gezeigt, trägt oft eine Königskrone statt einer Dornenkrone und breitet die Arme über den Gläubigen aus. Die Beine sind parallel, Jesus wird mit vier Nägeln gekreuzigt.

Die Gotik (12.—15. Jahrhundert) zeigt Jesus als Mensch am Kreuz. Er trägt die Dornenkrone und wird mit drei Nägeln gekreuzigt. Da die Füße übereinanderliegen, kommt eine Drehung in Beine, Hüfte und Taille, die oft übersteigert wird: Der Körper ist als Ausdruck größten Schmerzes zusammengesackt oder verdreht und außerdem sehr mager. Waren die Glieder in der Romanik vereinfacht, gerade und rund dargestellt worden, bekommen sie nun einen eckigen Ausdruck, da sich durch ihre Magerkeit die verrenkten Knochen abzeichnen.

Barlach verbindet in seinem „Kruzifix II“ Elemente der romanischen und der gotischen Darstellung: Als Rückgriff auf die gotischen Elemente kann die Form der Glieder gelten, der Leib ist mager und sieht geschunden aus; Jesus wird mit drei Nägeln gekreuzigt und der untere Teil des Körpers ist gedreht. Als Gegensatz lassen sich die aufrechte Haltung des Oberkörpers, der gerade Blick und die Krone, die mehr an eine Königskrone als an eine Dornenkrone erinnert, als Anknüpfung an die romanische Darstellungswiese interpretieren: Jesus blick der Auferstehung entgegen, anstatt vom Leiden gebrochen zu werden.  

So wird das Werk in der Zeit des ersten Weltkrieges zu einem tröstenden: Auch wenn das Leid des Menschen groß ist, bleibt seine Hoffnung auf die Überwindung des Todes.

Ernst Barlach (1870—1938) zählt zu den bedeutendsten Bildhauern des frühen 20. Jahrhunderts. Nach einem Studium an der Dresdner Kunstakademie arbeitete er als Autor und Bildhauer und entwickelte eine ausdrucksstarke plastische Formsprache, mit der er sich in seinen Werken existenziellen Themen stellte. Das „Kruzifix II“ entstand 1918 als Auftragsarbeit für einen Soldatenfriedhof. Die Gipsskulptur sollte als Positiv für einen Bronzeguss dienen, den Auftrag hatte Barlach im März 1918, also acht Monate vor Kriegsende erhalten, doch schließlich wurde das Denkmal nicht verwirklicht.

1931 aber wurde ein Bronzeguss des Kreuzes in der Marburger Elisabethkirche aufgestellt, wo er auch heute steht, obwohl die Nationalsozialisten Barlach als entartet verfemt hatten und das Werk hatten einschmelzen wollen. Vier weitere Abgüsse sind in Kirchen in Güstrow (Güstrower Dom), Lübeck (St.-Georg-Kirche), Bremen (St.-Remberti-Kirche) und Köln (Antoniterkirche) aufgestellt. In Unterammergau ist das gipserne Urbild des Kruzifixes an der Rückseite des Kirchenraums unter der Orgel angebracht.

HERR, bei dir habe ich mich geborgen. / Lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit; rette mich in deiner Gerechtigkeit! / Neige dein Ohr mir zu, erlöse mich eilends! Sei mir ein schützender Fels, / ein festes Haus, mich zu retten! / Denn du bist mein Fels und meine Festung; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten. / Du wirst mich befreien / aus dem Netz, das sie mir heimlich legten; denn du bist meine Zuflucht. / In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue. (Psalm 31,2—6 )

Das heutige Kirchengebäude wurde ab 1709 errichtet, der Turm 1688. Ein Vorgängerbau datiert auf das 12. Jahrhundert. Die Kirche ist dem heiligen Nikolaus geweiht, der auf dem linken Altarbild dargestellt ist. Der Hochaltar zeigt dagegen Marias Aufnahme in den Himmel und stammt, wie die meisten Elemente der Ausgestaltung des Innenraums aus dem 18. Jahrhundert.