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Torsten Mühlbach und Bruno Wank
Bitte stehen lassen, Amen, 2018–22
Transportkisten und Bautafel
Leihgabe der Künstler

Das Werk geht auf eine Installation der Künstler aus dem Jahr 2018 zurück. Für den „Aschermittwoch der Künstler“, ein jährliches Kunstformat des Augsburger Bistums, das es auch in anderen Bistümern gibt, verpackten Torsten Mühlbach und Bruno Wank die Einrichtung einer Kapelle unter dem Titel „Bitte stehen lassen. Wird am Montag abgeholt“. Die Installation markierte sowohl die ungewisse Zukunft der Severinskapelle als auch ihre wechselhafte Geschichte.

Der Bau befindet sich auf einem Gelände, das bis 2014 als Gefängnis gedient hat. Als Ort der Gefängnisseelsorge war die Kapelle aber erst wieder seit 1969 genutzt worden, zuvor war sie das Wasch- und Badehaus der Gefängnisanstalt gewesen, die vor der Säkularisation ein Karmelitenkloster und vor 1637 ein städtischer Kornspeicher gewesen war. Mit dem Ende der Gefängnisseelsorge sah die Kapelle in bester Innenstadtlage, deren Anfänge ins 13. Jahrhundert zurückreichen und deren spätgotische Gestalt von einer Renovierung im 16. Jahrhundert geprägt ist, einer offenen Zukunft entgegen.  

Die Künstler verpackten alle Gegenstände: das große Holzkreuz, die Sitzbänke, das Messbuch, die Kerzen und auch die Gemäldetafeln des Kreuzweges der Severinskapelle. In soliden Holzkisten mit Piktogrammen wartete die Einrichtung in der Kapelle und auf dem Vorplatz, wo bis in die 1930er Jahre die Hinrichtungen der Strafanstalt stattgefunden hatten, auf die baldige Abholung (am Montag!).

„Bitte stehen lassen (Wird am Montag abgeholt)“ 2018 in der Severinskapelle in Augsburg — Foto von Hermann Reichenwallner

2021 schienen die Transportkisten endlich am richtigen Ort angekommen: Vor dem Atelier und Ausstellungsraum von Bruno und Michaela Wank im Ostallgäu, der sogenannten Verpackerei Görisried stapelten sich die Kisten, während eine Bautafel die Errichtung einer Hochhaus-Basilika mit Wohneinheiten ankündigte, deren in den Rasen gemähter Grundriss in Corona-Zeiten schon vorab unter dem Titel „Holy place no kiss no touch“ als Ausstellungs- und Begegnungsraum gedient hatte. Über die Kisten hieß es da: „Bitte stehen lassen. Wird am Montag aufgebaut“.

Noch vor dem angestrebten Baubeginn der „Holy Plaza“ in Görisried, ist nun in Unterammergau die Bauankündigung einer Filial-Basilika zu sehen. Am Weiherweg wird auf der Grundfläche einer Basilika deren ureigener Zweck mit bequemem und zeitgemäßem Wohnen auf 10 Etagen im mediterranen Look kombiniert. Das visionäre Projekt soll 2023 begonnen werden, weshalb die verfrühte Anlieferung der Transportkisten nur als Ausdruck der besonderen Baulust zu begreifen ist: Seit ihrer Anfertigung für die Augsburger Severinskapelle zeigen sie, dass die Nutzung und Umnutzung des öffentlichen und des sakralen Raumes pragmatisch angegangen werden müssen.

Die Bautafel, die zum Kunstwerk gehört, wurde am 7. September von Unbekannten abmontiert und gestohlen. Die mSE Kunsthalle ließ daraufhin per Aushang und Presse mitteilen, dass der Diebstahl des durchaus kontrovers rezipierten Objekts nicht als Scherz oder Stellungnahme übergangen werden kann, weil die Kunsthalle die Sicherheit aller Werke, die auch Versichert sind, garantieren muss. Die Unbekannten wurden aufgefordert, die Bautafel zurückzustellen oder am Empfang der Kunsthalle abzugeben. Da eine Rückmeldung ausblieb, wurde Anzeige erstattet. 

Torsten Mühlbach (geb. 1974) studierte Bildhauerei an der Münchner Akademie der bildenden Künste und wurde dort Meisterschüler von Nikolaus Gerhart. Seither ist er als Bildhauer und Konzeptkünstler tätig, dessen vielfältige Projekte oft von einer heiteren Kapitalismuskritik geprägt sind.

Bruno Wank (geb. 1961) wechselte nach einem Sportstudium an der TU München an die Münchner Kunstakademie, wo er Meisterschüler von Olaf Metzel wurde. Seit 1993 ist er Leiter der Studienwerkstätte für Bronzeguss in München. Als Bildhauer und Konzeptkünstler betreibt er mit seiner Frau Michaela außerdem den Ausstellungsraum Verpackerei Görisried

Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsahl. Denn was früher war, ist vergangen. (Offenbarung 21,2f)

Vom Weiherweg aus zu sehen: Am nördlichen Dorfrand von Unterammergau ragt der spätgotische Turm mit Spitzhelm der sogenannten Kappelkirche auf. Die Kirche heißt auch „Heilig Blut“, weil sie auf das Heilige Blut Jesu geweiht ist, von dem eine Reliquie in der Kirche verwahrt wird. Wegen einer Blut-Reliquie war die Kappelkirche lange Zeit ein Wallfahrtsort, allerdings nicht wegen der heutigen, die erst 1734 aus Italien nach Unterammergau kam, sondern einer früheren wegen, die die Welfen im 11. Jahrhundert akquiriert und gestiftet hatten und die im Spanischen Erbfolgekrieg (1703) geraubt worden ist. Unabhängig davon ist das Gotteshaus, das im 17. Jahrhundert neu errichtet wurde, mit seinem lichten Barock- und Rokokodekor aus dem 18. Jahrhundert unter architektonischem Gesichtspunkt allemal einen Spaziergang wert.