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Norbert Tadeusz
Erzengel
Bronze, 260 x 120 x 80 cm
Sammlung von Christian Zott

Engel gehören zu den verbreitetsten und beliebtesten Motiven der Kunstgeschichte: Raffaels drollig-träge Buben zu Füßen der Sixtinischen Madonna, da Vincis feingliedriger Gabriel im Kniefall bei der Verkündigung, Hans Memlings Himmelsmusiker mit schwer verklärten Blicken und onduliertem Haar – für die Künstler waren Engel eine Gelegenheit zur erfindungsreichen Darstellung überirdischer Pracht, Anmut und Staffage, durchaus zum Missfallen des Glaubens, wie der Theologe Romano Guardini (1885—1968) bemerkt: „Die Engel sind im Gefühl und in der Vorstellung der Neuzeit weithin zu weichlichen, manchmal geradezu zweideutigen Wesen geworden. Wer sehen will, was sie eigentlich sind und wie sie im christlichen Dasein stehen, muß das meiste vergessen, was die Kunst der letzten fünf bis sechs Jahrhunderte […] hervorgebracht hat, und sich zuerst durch das Alte Testament belehren lassen.“ (RG, S. 33) 

Dort nämlich kämpft ein Engel unerbittlich mit Jakob, ein anderer tötet die Erstgeborenen der Ägypter und die mitunter monströsen Beschreibung könnte den unbedachten Leser zu der Meinung verleiten, es „wären die himmlischen und gottähnlichen Geister Wesen mit vielen Füßen und vielen Gesichtern und sie seien nach der tierischen Figur von Stieren oder nach der Raubtiergestalt von Löwen gebildet, oder […] mit einem Krummschnabel oder […] einem struppigen Gefieder ausgestattet …“ (DA, Kap. II, § 1) — so resümiert Dionysios Areopagites in seiner „Himmlischen Hierarchie“, dem christlichen Standardwerk über Engel aus dem fünften Jahrhundert. Nicht weichlich also muss man sich also den Engel vorstellen, sondern schrecklich. Dies zeigt auch der Gruß „Fürchte dich nicht“, den die Engel gebrauchen, wenn sie im Neuen Testament in menschlicher Gestalt erscheinen.

Schrecklich sind die Engel, weil sie als Boten Gottes „den Sendenden selbst bringen. Wenn sie kommen, kommt der Heilig-Furchtbare und Schreckensvoll-Herrliche.“ (RG, S. 33) Dass das Heilige Furcht erregt und Schrecken verbreitet, muss an dieser Stelle als allgemeinmenschliche Erfahrung vorausgesetzt werden, wenngleich es sein könnte, dass wir uns (heute?) zur Ehrfurcht verhalten wie die properen Kunstengel zum biblischen Bericht. Doch wenn das Schöne eigentlich schrecklich ist, ist damit die monströse Gestalt mancher Engelsschilderungen noch nicht erklärt. Das grundlegende Problem ist nämlich sowohl für die Kunst als auch für die Bibel, wie man Engel überhaupt darstellen kann, da sie Geist sind, „nur Geist“ (RG, S. 35).  

Das rein Geistige muss veranschaulicht werden. Die bildende Kunst, muss es in ihrer Abbildungslogik entweder verkörpern oder durch die Bezugnahme anderer Körper vergegenwärtigen wie in Antonello da Messinas „Verkündigung“. Doch auch wenn man es geschickt vermeidet, einen Engel zu zeigen, ist das Problem einer notwendigen aber nie adäquaten Veranschaulichung ungelöst. Das Geistige muss nämlich anschaulich werden, weil das menschliche Denken, so Dionysios Areopagites, mit Analogien arbeitet. Die inspirierten Verfasser der Bibel berücksichtigen nun einerseits den am Bild klebenden Intellekt der Leser und tragen andererseits der Nichtdarstellbarkeit des rein Geistigen durch eine Vielzahl verschiedener auch unvereinbarer Bilder Rechnung. 

Die Engel dürfen nicht stets anmutig beschrieben werden. „Denn es ist natürlich, daß man bei den ehrenvolleren heiligen Bildern auch abirre und auf die Meinung kommt, es seien die himmlischen Wesen sozusagen goldartige Männer“ (DA, Kap. II § 3). Weil man das schöne Bild zu buchstäblich verstehen könnte und die Wahrheit, dass der geistige Engel in der körperlichen Welt die schreckliche Herrlichkeit des gütigen Gottes vertritt, höchste geistige Anstrengung verlangt, hält die Schrift, wie Dionysios Areopagites erklärt, auch die verstörenden Beschreibungen bereit.

Auch wir selbst ja würden vielleicht […] nicht durch genaue Untersuchung der heiligen Probleme zum höheren Sinn vorgedrungen sein, wenn uns nicht das Abstoßende der bildlichen Offenbarung über die Engel aufgeschreckt hätte. Es ließ unseren Geist nicht bei den disharmonischen Bildern verweilen, sondern reizte uns, die materiellen Affektionen in Abrede zu stellen und gewöhnte uns heilig daran, vermittels der äußeren Erscheinungen zu den überweltlichen Erhebungen uns zu erschwingen.“ (DA, Kap II, §5)

Die bronzenen „Erzengel“ von Norbert Tadeusz mit knochigen Flügeln, sternförmig zerrissenem Bauch und Kopfbrüsten sind also weit von den englischen Darstellungen der Kunsttradition entfernt, aber als übergroße, sperrige Figuren, die auf dem Skulpturenweg die Brücke über die Enge Laine flankieren, ein anschauliches Korrektiv.  

RG: Romano Guardini, Der Engel in Dantes göttlicher Komödie, München 1951
DA: Dionysios Areopagites, „Die Himmlische Hierarchie“, Übersetzung von Josef Stiglmayr in Bardenhewer, Schermann, Weyman, Bibliothek der Kirchenväter. Band 2, Kempten und München, 1911, S. 1—88

Tadeusz wurde 1940 in Dortmund geboren. 1960 begann er ein Studium der Freien Malerei bei Gustav Deppe an der Werkkunstschule Dortmund und wechselte im folgenden Jahr nach Düsseldorf an die Staatliche Kunstakademie wo er bis 1966 studierte und Meisterschüler von Joseph Beuys wurde. Von 1973 bis 81 war er Dozent an der Kunstakademie Düsseldorf, anschließend bis 1988 Professor ebenda. Danach, bis 1991 Professor an der Hochschule der Künste in Berlin und bis 2005 in Braunschweig. Tadeusz, der 2011 verstarb, verstand sich explizit als Maler, nicht als Künstler, arbeitete aber auch im Medium der Skulptur, wo er mit großer Leidenschaft Kleinformate schuf. Die großen Bronzeskulpturen in der Sammlung von Christian Zott und der mSE Kunsthalle, neben den „Erzengeln“ auch ein „Großer weiblicher Torso“, der im Skulpturengarten gezeigt wird, sind eine Besonderheit in seinem Oeuvre. 

Ich schaute und siehe: Ein Sturmwind kam von Norden, eine große Wolke und ein unaufhörlich aufflammendes Feuer, umgeben von einem hellen Schein. Und aus seiner Mitte, mitten aus dem Feuer, da strahlte es wie glänzendes Metall. Aus seiner Mitte erschien eine Gestalt von vier lebenden Wesen. Und dies war ihr Aussehen: Sie hatten eine Menschengestalt. Vier Gesichter waren an jedem und vier Flügel hatte ein jedes von ihnen. Ihre Beine waren gerade und ihre Füße wie die Hufe eines Jungstiers; sie glänzten wie blinkende Bronze. Und Menschenhände hatten sie unter ihren Flügeln an ihren vier Seiten. Auch ihre Gesichter und ihre Flügel waren an ihren vier Seiten. Ihre Flügel berührten einander. Sie brauchten sich nicht umzuwenden, wenn sie gingen: Jedes ging in die Richtung, in die eines seiner Gesichter wies. Die Gestalt ihrer Gesichter aber war: ein Menschengesicht, ein Löwengesicht bei allen vier nach rechts, ein Stiergesicht bei allen vier nach links und ein Adlergesicht bei allen vier. Ihre Flügel waren von oben darüber ausgespannt. Mit zwei Flügeln berührten sie einander und mit zwei bedeckten sie ihren Leib. Jedes lebende Wesen ging in Richtung eines seiner Gesichter. Sie gingen, wohin der Geist sie trieb. Sie brauchten sich nicht umzuwenden, wenn sie gingen. Was die Gestalt der lebenden Wesen angeht: Ihr Aussehen war wie glühende Feuerkohlen. Was sich inmitten der lebenden Wesen bewegte, hatte das Aussehen von Fackeln. Das Feuer gab einen hellen Schein und vom Feuer ging ein Blitzen aus. Die lebenden Wesen liefen hin und her, es sah aus wie ein Blitzstrahl. Hezekiel (1,4—14)