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Bruno Wank
from a mountain, 2016
Bronze, 210 x 66 x 57 cm
Leihgabe des Künstlers

„from a mountain“ nimmt Bruno Wank die Form seiner Bronzefigur, von der Höfats, einem Berg von 2259 m Höhe in der Nähe von Oberstdorf im Allgäu. Der Gipfel des Berges ist in vier Spitzen geteilt, die annähernd gleich hoch sind und einen langen Grat überragen. Da die Hänge der Höfats steil abfallen, erinnert der Berg an die Form einer gotischen Kathedrale als Langbau mit Zweiturmfassade. Der Künstler verstärkt den Eindruck, indem er die Form des Berges in der Höhe um das Vierzehnfache streckt und außerdem an jeder Seite einen Schnitt anbringt, sodass eine rechteckige Grundfläche entsteht. An der Spitze ist die sonst patinierte Bronze des Werkes blankpoliert, als leuchtete der Berg im Sonnenuntergang.

„from a mountain“ ist Teil einer großangelegten Werkserie, die der Künstler 2016 entstehen ließ. Dazu gehören kleinere Formate mit einer Höhe von 90 cm, die in verschiedenen Farben, die der Künstler beim Guss der Bronze erzeugt, schillern, und das Modell einer begehbaren 22,56 m großen Kathedrale nach dem Vorbild der Höfats.

Die Verschränkung natürlicher und künstlicher Formen im Kunstwerk gibt Anlass zu grundsätzlichen Betrachtungen über das Verhältnis von Natur und Kunst und ihren gemeinsamen Bezug zum Höchsten, zu Gott, zur Wahrheit, zur Idee, ein Themenkomplex, der so alt ist wie die Philosophie. Drei Aspekte seien exemplarisch herausgehoben:

(1) Die Formensprache der Gotik wird durch Neuerungen der Bautechnik ermöglicht und limitiert. Spitzbogen und Strebepfeiler erlauben in einem komplizierten statischen Gesamtentwurf hohe, lichtdurchflutete Räume, deren Ästhetik eine religiöse Deutung – die bedeutendsten Gebäude der Gotik sind Kathedralen – nahelegt. Versteht man den romanischen Sakralbau mit seinen dicken Mauern und schweren Gewölben als Trutzburg des Glaubens in unsicheren Zeiten, erlaubt die Bautechnik der Gotik, die strahlende Herrlichkeit des Glaubens in den lichten Kathedralen wiederzuerkennen.

Bruno Wank unterstreich in seiner Werkserie „from a mountain“ konzeptuell den technischen Aspekt: Die Naturform des Berges, die er als topografische Daten von der entsprechenden Vermessungsbehörde gekauft hat, wird digital um das Vierzehnfache gelängt. Fähigkeit, Fertigkeit bestimmte als zentrales Unterscheidungsmerkmal lange das Verhältnis von Natur und Kunst. Dass das Wort „Kunst“ von „können“ komme, ist etymologisch korrekt; das griechische Wort für Kunst, „τέχνη“, hat sich im deutschen Wort „Technik“ erhalten.

(2) Entgegen der Betonung der Kunstfertigkeit erfährt auch die Natur in verschiedenen Strömungen der Kunst- und Philosophiegeschichte eine Aufwertung. Die Natur gilt dann als Lehrmeisterin der wahren, „unverkünstelten“ Kunst, deren vollendete Proportionen gleich einem Naturgesetz entdeckt, nicht erfunden werden. Die Natur kann als vollendete Schöpfung und damit als das größte Werk verstanden werden.

Für die Kunsttheoretiker der Renaissance und des Klassizismus, die einer positiven Bewertung der Natur im Kunstwerk zugeneigt sind, galt die Gotik allerdings als verkünstelter Irrweg. Vasari, der im 16. Jahrhundert den Namen prägt, benennt die Gotik als „gotico“, ‚fremdartig‘ nach dem Stamm der Goten. Das englische Wort „gothic“ enthält die Bedeutungsfacetten des Grotesken, Fantastischen und Schauerlichen. Das Bedürfnis nach gemessener Harmonie wurde nicht nur vom gotischen Stil irritiert, sondern auch vom Gebirge. Die Alpen erregten noch bis ins frühe 19. Jahrhundert als wüste, maßlose Gegend Abscheu. Als schön galten dagegen die Kulturlandschaften der Campagna, Arkadiens und die Ordnung barocker Gärten.

Erst der Romantik gelingt es im 19. Jahrhundert, die unbändige Natur künstlerisch produktiv zu machen und das Gebirge positiv zu besetzen. Mit dem Begriff des Erhabenen wird das Übergroße, Wilde und Majestätische der Natur einer ästheisch-erbaulichen Betrachtung zugänglich. Die nationalen Strömungen der deutschen Romantik reklamieren die Gotik als deutschen Stil und verknüpfen schließlich die Wirkung der gotischen Kathedralen mit einem Natureindruck: Die hohen Säulen und die weitverästelten Rippengewölbe sollen die feierliche Pracht des deutschen Waldes nachahmen.

(3) Für den Glauben war das Gebirge jeher ein bedeutender Ort. Der Berg kann in der Bibel Ort der Offenbarung, des Opfers und der Verklärung sein; das Christentum schätzt die Einöde des Gebirges als Ort des mönchischen Rückzugs von der Welt. Die vielen Gipfelkreuze in den Alpen scheinen heute aber weniger als Glaubenszeugnis, oder als symbolische Weihe der Gebirgseinsamkeit, denn als bloßer Zielpunkt sportlicher Herausforderung. Die Alpen haben den wilden Schrecken verloren, nicht so sehr von Kreuzen als von Skiliften gebändigt; maßlos ist allenfalls der Tourismus, indes die Gegenbewegungen, die für nachhaltige, also harmonische, Nutzung der Bergwelt oder die Wildheit des Naturschutzes eintreten, unbewusst die ästhetischen Konzepte und Intuitionen der Kunst- und Philosophiegeschichte wieder aufleben lassen. Vor der Touristeninformation am Unterammergauer Rathaus ist Bruno Wanks „from a mountain“ bestimmt nicht fehl am Platz. 

Bruno Wank ist Bildhauer und Konzeptkünstler. Er wurde 1961 in Marktoberdorf geboren. Nach einem Studium an der TU München und an der Akademie der Bildenden Künste wurde er Meisterschüler von Olaf Metzel. Seit 1993 ist er Leiter der Studienwerkstätte für Bronzeguss an der Akademie in München.

Der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. Er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas brauche, er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt. Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir; wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seinem Geschlecht. Da wir also von Gottes Geschlecht sind, dürfen wir nicht meinen, das Göttliche sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung
(Apostelgeschichte, 17,24–29)