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Veronika Kieslinger
Ohne Titel, 2015
Holz
Leihgabe der Schnitzschule Oberammergau

Fragen an die Künstlerin

Ihre Arbeit stammt aus dem Jahr 2015. In welchem Zusammenhang ist die Skulptur entstanden?

Im Laufe der dreijährigen Ausbildung zum Holzbildhauer werden die Schüler an verschiedenste Fachbereiche herangeführt. Dazu gehören beispielsweise das Schriftschneiden, Relief schnitzen, Punktieren (eine Art des exakten Kopierens) und im zweiten Lehrjahr eben auch die Stammarbeit. Nach einer Einführung in den richtigen Umgang mit der Kettensäge darf dann losgelegt werden. Diese Skulptur ist meine erste Kettensägearbeit und ist völlig frei und ohne vorhergehende Konzeption entstanden. Freilich, ein paar Skizzen habe ich schon angefertigt, aber ich wollte möglichst unbefangen und ganz und gar „aus dem Kopf heraus“ arbeiten. Ich fand es zu diesem Zeitpunkt sehr spannend, einfach „drauf los zu schnitzen“ und mich an eine freie figürliche Arbeit zu wagen.

Sie haben nach Ihrer Ausbildung an der Nürnberger Akademie bei Jochen Flinzer, einem Konzeptkünstler, studiert. Was ist das Wichtigste, das Sie aus Oberammergau mitgenommen haben?

Ganz klar: Die Freude an der handwerklichen Tätigkeit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Gerade der Übergang von Schnitzschule zum akademischen Studium war für mich dahingehend überraschend, als ich feststellen musste, dass das Erlernen jeglicher handwerklicher Fertigkeiten kein verpflichtender Bestandteil der Lehre an der Akademie ist. So war ich froh und dankbar für die drei vorangegangenen Jahre in Oberammergau, wo ich die Grundlage für mein weiteres künstlerisches Schaffen aufbauen durfte. Ich habe mir die Freude am Umgang mit verschiedensten Materialien und auch am figürlichen Arbeiten bis jetzt bewahren können.

Die Skulptur zeigt einen Beladenen und ist bis auf die Spitze durchgehend aus einem Stamm geschnitzt. Kunstgeschichtliche Bezüge könnte eine Karyatide oder die Gestalt des Atlas sein. Waren konzeptuelle Bezüge, wie in diesem Fall die kunstgeschichtlichen, wichtig für die Entstehung Ihrer Skulptur? Sind sie es für die Rezeption?

Für die Entstehung der Skulptur waren diese Bezüge weniger wichtig. Sicherlich habe ich mich beim Erarbeiten von solchen Bildern und mir bekannten Figuren beeinflussen lassen. Dies waren allerdings eher unbewusste Vorgänge, wie sie beinahe immer mit einfließen. Wie schon erwähnt, ist gerade diese Arbeit ein gewissermaßen „entstehungslastiges“ Werkstück. Denn das freie Arbeiten, das langsame Herausführen der Figur aus dem Stamm und die Freude über das figürliche Ergebnis waren definitiv dominant gegenüber der Idee eines Beladenen/Belasteten. Für die Rezeption ist das Herstellen kunstgeschichtlicher oder konzeptueller Bezüge jedoch sicher spannend. Es ist doch immer wieder interessant, was dem einen oder anderen beim Betrachten einfällt, was assoziiert wird, welche Schlüsse gezogen werden, wo Fragen aufgeworfen werden.

Die Füße der Figur sind ein wenig eingedreht. Das legt die Form des Stammes nahe, sorgt aber auch für eine ganz bestimmte Ausstrahlung der Haltung. Möchten Sie dazu etwas sagen?

Ja, das stimmt. Die Haltung der Füße verleiht dem Stemmenden beinahe eine verlegene Haltung. Das ist mir beim Arbeiten aufgefallen und ich mochte dieses irritierende Detail sofort. Manchmal ergeben sich aus der vorhandenen Holzform solche kleinen interessanten „Abweichungen“ und werten die Skulptur (für mich zumindest) dadurch auf.

Ihre Skulptur ist nun Teil eines Weges, der anlässlich der Passionsspiele und auch zum Thema der Passion gestaltet wurde. Hat die religiöse und traditionelle Verankerung der Oberammergauer Schnitztradition Ihre Ausbildung oder Ihre Arbeit geprägt?

Man hat von der religiösen Verankerung in der Schnitzschule nicht mehr wirklich viel gespürt. Längst schon sind die Gesellen keine „Herrgottsschnitzer“ mehr, wenn sie die Schule verlassen. Der Fokus liegt nun eher auf einer umfangreichen Materialkenntnis und einer ganzheitlich künstlerischen Ausbildung. Allerdings wurde uns dort schon noch das traditionelle „Kripperlfigurschnitzen“ beigebracht, das rechte „Anlegen“ eines Figürchens im Holzblock und derlei Dinge. Dafür bin ich ausgesprochen dankbar. Für mich ist es ganz klar ein Privileg, ein solches Handwerk mit einer so langen Tradition weiterführen zu dürfen. Als aktive, gläubige Katholikin freue ich mich natürlich sehr, dass meine Skulptur Teil dieses Weges anlässlich der Passion sein darf.

Was sind die Themen, die Sie heute am meisten beschäftigen?

So pauschal kann ich diese Frage nicht beantworten. Generell arbeite ich immer meinen momentanen Interessen entsprechend. Je nach Lebensumstand, Wohnort und Zeitgeschehen kommen dann ganz unterschiedliche Ideen und Konzepte dabei heraus. Geblieben ist die Lust am Handwerklichen und die Freude am Umgang mit Holz.

* 22.03.1994 in Augsburg als Veronika Rita Dieterle, aufgewachsen in Rain am Lech

2012 Abitur am St. Bonaventura Gymnasium Dillingen a.d. Donau

2012–2013: Bundesfreiwilligendienst in Zußdorf /Wilhelmsdorf im Kinderheim für geistig und körperlich beeinträchtigte (Klein-)Kinder und Jugendliche

2013–2016: Ausbildung zum Holzbildhauer in Oberammergau in der Klasse Josef Pleier

2016–2022: Studium der Kunstpädagogik an der AdbK Nürnberg unter Prof.Jochen Flinzer und an der FAU Erlangen/Nürnberg

2020: Heirat mit Dr. Thomas Kieslinger, Umzug nach Dingolfing (Niederbayern)

ab Juni 2022: kunsttherapeutische/kunstpädagogische Tätigkeit in einer Einrichtung für ältere Menschen mit chronisch psychischer Erkrankung

In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,25–30)