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SICHTUNG IV

SICHTUNG ist eine begehbare Skulptur von über 30 m Höhe der Künstler Hildegard Rasthofer und Christian Neumaier. Die mSE Kunsthalle hat das Werk derzeit nach Flossenbürg in der Oberpfalz verliehen, wo die Skulptur von Juni bis bis Herbst zum inzwischen vierten Mal installiert ist. Auf einer Anhöhe über der KZ-Gedenkstätte, der Leihnehmerin des Werks, eröffnet SICHTUNG IV einen Denkraum für die Besucherinnen und Besucher, die seit 1. Juni nach vorheriger Anmeldung die Skulptur begehen können.

DAS WERK

An ihrem neuen, temporären Standort ragt die SICHTUNG zum ersten Mal aus dem Wald auf. 

70 Tonnen mobiler Stahl

Die SICHTUNG besteht aus Stahlkuben mit einer Seitenlänge von 2,4 m und einem Stahlkraz an der Spitze. In der Flossenbürger Aufstellung kommt sie auf eine Höhe von 32,4 m. Die Kuben werden mit dem Kran übereinander gestapelt und verschraubt. Die Skulptur kann so innerhalb weniger Stunden auf- oder abgebaut und transportiert werden. Sie ist als mobiles Kunstwerk konzipiert. Nicht zuletzt auch eine beeindruckende Ingenieursleistung.

Die Seitenwände, das Geländer, die Stufen und die Streben darunter: Alles trägt die Bewegung der Besucher als Schwingung fort.

Raum- und Klangskulptur

Bewegt man sich im Inneren der Skulptur, erlebt man den umgebenden Raum auf besondere Weise: In vertikaler Bewegung erkundet man das Volumen der Skulptur und betrachtet aus veränderter Perspektive den umgebenden Raum der Skulptur. Zudem erzeugen der Wind, die Geräusche der Umgebung, die Schritte und der Atem eines selbst und der anderen Besucher eine Fülle von Klang. 

Tropfenförmige Patina, die seit der dritte Aufstellung in Unterammergau neu dazu gekommen ist

Materialität

Der Konstruktionsstahl hat einer veränderliche, vielgestaltige Oberfläche: blank, versehrt, patiniert, verschiedene Stufen der Korrosion. Licht, Wetter und der Blickwinkel der Betrachtung verändern den farbigen Ausdruck des Materials zwischen silber, grau, blau, grün, rot, orangefarben, braun und schwarz. 

DIE KÜNSTLER

Hildegard Rasthofer, Architektin und Künstlerin, wurde 1968 in Wartenberg geboren und studierte an der Technischen Universität München Architektur. Christian Neumaier, geboren 1965 in Haag, ist Metallbildhauer und Kunstschmiedemeister. Als Künstler arbeitet er mit Hildegard Rasthofer zusammen interdiszpilinär im Feld experimenteller Architektur und pastisch-skulpturaler Gestaltung.

>>Jeder Besucher hinterlässt durch Bewegung in der Skulptur ein spezifisches Klangmuster – eine Klangspur.<<
(Hildegard Rasthofer, Christian Neumaier)

Der STandort

>>Die Skulptur wandert an Orte, an denen sich eine spannungsreiche Wechselwirkung mit der Umgebung ergibt.<<
(Hildegard Rasthofer, Christian Neumaier)

Durch ein Fenster der SICHTUNG sieht man in die weite Landschaft hinaus, sieht Häuser des jungen Orts Flossenbürg und (rechts) das ehemalige Verwaltungsgebäude der DESt.

LANDSCHAFTSINSTALLATION

An ihren verschiedenen Standorten tritt die Skulptur mit der umgebenden Landschaft in einen Dialog. Durch die tiefen Fenster der Skulptur und von ihrer Spitze ergeben sich immer wieder neue Ausblicke, umgekehrt kann die Skulptur von verschiedenen Stellen als Markierung in der Landschaft betrachtet werden. Die Skulptur trägt deshalb einen Index. In Flossenbürg, am vierten Standort, den Index IV.

Der Granitsteinbruch neben dem Standort der SICHTUNG ist immer noch in Betrieb. Früher mussten die Häftlinge des Lagers dort in Zwangsarbeit Granit fördern.

Markierung

Am ersten Standort in Reithofen hatte die Skulptur in der Kiesebene den Kontrast von Vertikale und Horizontale markiert. Am zweiten Standort im Münchner Kreativquartier wurde sie zur Markierung der stadtbaulichen Entwicklung. Im Skulpturengarten der mSE Kunsthalle stand die SICHTUNG  über dem Pulvermoos zwischen Unterammergau und Oberammergau. Die Hänge der umgebenden Berge überragten den schlanken Quader, was die Weite und die sachten Wölbungen des Tals betonte. An ihrem vierten Standort tritt das Werk nun in einen historischen und politischen Kontext ein.

Ausblicke

Aus der Skulptur und von ihrer Spitze blickt man in immer neuer Rahmung in die weite der Landschaft, auf den jungen Ort Flossenbürg, auf eine historische Burg und auf den noch aktiven Steinbruch, in dem die Häfltinge des Lagers früher in Zwangsarbeit Granit fördern mussten. Die KZ-Gedenkstätte und die historischen Gebäude um den Appellplatz herum sind hinter den Bäumen der Anhöhe verborgen, bleiben aber unsichtbar präsent. 

Geschichte

In dem kleinen Ort Flossenbürg, in dem seit der Jahrhundertwende Granit abgebaut wird, errichtete die SS 1938 ein Konzentrationslager, dessen Gefangene in Zwangsarbeit Granit fördern mussten. Flossenbürg wurde zum Hauptlager eines weitverzweigten Netzes von Arbeitslagern und war in den späteren Kriegsjahren hauptsächlich in die Rüstungsproduktion eingebunden, unter anderem für Messerschmitt.

Nach dem Kriegsende wuchs ein Ort über das KZ. Erst 1995 wurde die heutige Gedenkstätte gegründet, in der die Spuren der Vergangenheit, die Schichten der Geschichte und des Vergessens freigelegt werden sollen. Die Gedenkstätte ist seither bemüht, die Formen des Erinnerns, Forschens und Gedenkens sensibel und kritisch zu reflektieren. 2014 wurde sie mit dem Europäischen Museumspreis geehrt.

Die Kommandantur des früheren Konzentrantionslagers. Im Mai 1938 kommen die ersten Häftlinge aus Dachau nach Flossenbürg. Im Februar 1945 sind 14.800 Menschen im KZ interniert.

Der Ort Flossenbürg wuchs nach Kriegsende über das Lager; die Industrieanlagen wurden weiter betrieben, Arbeiter und Heimatvertribene siedelten sich an. Die Wohnhäuser reichen bis an das heute freigelegte Häftlingslager heran.

Hinter dem Häftlingslager befindet sich das „Tal des Todes“, wo sich das Krematorium befand und Gefangene exekutiert wurden. In diesem Bereich wurden nach dem Krieg eine erste Gedenkstätte errichtet, während der obere Teil der Konzentrationslagers erst bedeutend später für die Erinnerung freigelegt wurde.

Von 1957 bis 1960 wurde ein Ehrenfriedhof errichtet, in den Häftlinge aus Flossenbürg, die auf den Todesmärschen am Kriegsende gestorben waren, umbestattet wurden. Der Friedhof umfasst über 5.500 Einzelgräber.

Über dem Granitsteinbruch und neben dem vierten Standort der SICHTUNG befand sich die DESt-Verwaltung. Die „Deutschen Erd- und Steinwerke“ waren ein SS-Unternehmen, das mit dem Granitabbau unter Zwangsarbeit Geld erwirtschaftete. Ab 1942 wurde Flossenbürg zum Hauptlager eines weitverzweigten Netzes von fast 80 Außenlagern zwischen Würzburg, Prag, Niederbayern und Nordsachsen. 1943 wurde Flossenbürg zum Rüstungsstandort, an dem bei Kriegsende 5.000 Häftlinge zur Arbeit für Messerschmitt gezwungen wurden. 

Die Ruine von Burg Flossenbürg (gegründet um 1100) ist von der SICHTUNG aus gut zu sehen. Für den Ausblick aus der luxuriös gebauten DESt-Verwaltung war sie einst als Beschwörung des wehrhaften Deutschen gegen die Slawen ausgegeben worden. Die tschechische Grenze verläuft heute fünf Kilometer (in entgegengesetzter Himmelsrichtung) hinter Flossenbürg.

Stimmen

Mit der SICHTUNG eröffnen wir einen Denkraum, keinen Gedenkraum. Wir befinden uns auf einem Areal, dem man seine Vergangenheit nicht auf den ersten Blick ansieht, das überall aber von Geschichte geprägt ist, überlagert von Schichten. Die SICHTUNG ist eine Öffnung; sie erlaubt eine Annäherung an den Ort und eröffnet eine neue Räumlichkeit. Über das Konzentrationslager Flossenbürg sind sieben Jahrzehnte gewachsen. Wir sehen den jungen Ort Flossenbürg in einer wunderschönen Landschaft, wie in Unterammergau, mit einer Geschichte des Gedenkens und der Erinnerung. Die quadratische Form der SICHTUNG erlaubt, verschiedene Richtungen und Blicke zusammenzuführen, und wird den Besuchern so ermöglichen, die verschiedenen Schichten offenzulegen, behutsam und selbständig. Wir wollen den Raum nicht okkupieren, sondern öffnen. Dafür gibt es kein passenderes Kunstwerk als die SICHTUNG. Es scheint, als wäre die Skulptur für diesen Ort konzipiert worden. Das zeigt die Qualität der Skulptur, die mit jedem Standort einen neuen Kontext für sich erschließt. Mit jedem Ort wird ihre Spur angereichert und das Werk komplexer. Flossenbürg wird auch die künftigen Standorte verändern. Es ist nicht mehr dasselbe Werk, das aus Unterammergau zu uns gekommen ist.

Prof. Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte

Ich habe beim Aufstellen wieder Stimmen von Passanten gehört, die gesagt haben, es schaut aus, als wäre die Skulptur schon immer dort gestanden. Das finde ich immer toll. Die Lage in den Bäumen ist hier neu. Man geht in den Bäumen hinauf, plötzlich, wenn man über die höheren Bäume hinauskommt, öffnet sich der Horizont. Der Aufenthalt in der Skulptur ist auch je nach der Umgebung ein anderes Erlebnis. Die Haltung, mit der die Menschen hier in die Skulptur gehen, wird eine ganz andere sein als bisher. Der vierte Standort ist ein geladener Ort, hier sind Schichten von verschiedenen Zeiten. Trotzdem glaube ich, dass die SICHTUNG noch einmal eine neue Möglichkeit ist, den Ort auf eine andere Art zu erfahren.

Hildegard Rasthofer

Das Kunstwerk lebt von seinem Dialog mit dem Ort, an dem es installiert wird. Es fordert die Besucher zur Betrachtung, zur Sichtung auf und nimmt ihnen diese Arbeit aber nicht ab. In jeder Landschaft kann man viele Schichten der Erinnerung, aber auch der Gegenwart und der Zukunft freilegen. Die SICHTUNG ist dafür ein herausragender Anlass.

Christian Zott