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Tränensäcke und Doppelkinn

Deutsche Renaissance

15. und 16. Jahrhundert

Deutsche Renaissance: Und Cranach malt für die Reformation

Das Zeitalter der Renaissance hält Europa fast zwei Jahrhunderte lang in Atem. Die Rückbesinnung auf die antiken Philosophen und die intensive Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, stellen das gesamte Weltbild infrage. Kopernikus rückt die Sonne in die Mitte unseres Planetensystems, Columbus entdeckt Amerika, Gutenberg erfindet den Buchdruck und Martin Luther reformiert die Kirche.

Die Suche nach Erkenntnis und Wahrheit hinterlässt auch auf der Leinwand Spuren. In den Werkstätten deutscher Maler wie Albrecht Dürer, Lucas Cranach oder Hans Baldung entstehen neue Techniken für eine naturgetreue Darstellung ihrer Motive. Realistische Porträts, naturgetreue Proportionen und die Zentralperspektive kennzeichnen die Werke der deutschen Renaissance.

Wolfgang Beltracchi im März 2017 in seinem Atelier in Montpellier. Nachdem er den Bildaufbau und die Technik von Lucas Cranach d. Ä. genau studiert hat, malt er in seiner Handschrift.

Schnell, schneller, Cranach

Die Cranach-Werkstatt war eine wahre Bilderfabrik der Reformation. Doch das legendäre Gewittererlebnis Martin Luthers hatte sie nicht zum Bild verarbeitet. Wolfgang Beltracchi zeigt, wie es hätte aussehen können. Der „Schnellmaler“ Cranach hatte eine höchst effiziente Technik entwickelt. Wiesen und Wälder grundierte er dunkel und schuf mit höchstens ein bis drei Farben formgebende Konturen. Inkarnate wurden sehr hell grundiert, mit einem Hautton überzogen und dann mit Licht und Schatten modelliert. Die Beschaffenheit des Pinsels half ihm, gestupft oder gestrichen, unterschiedliche Oberflächen darzustellen. Cranach arbeitete sich meist vom Zentrum an die Peripherie des Bildes vor. Zuletzt aber setzte er Licht und Schatten auf die Gesichter. An einem aufwendig wirkenden Gemälde malte er in der Regel nur wenige Wochen.

Von der Idee zum Gemälde

„Hilf du heilige Anna, ich will Mönch werden.“ Diesen Augenblick des lutherschen Flehens malt Beltracchi in der Handschrift Cranachs. Die Heilige Anna taucht im Werk Cranachs öfter auf, so dass Beltracchi eindeutige Hinweise auf ihre Darstellung findet: darunter der rote Mantel als Symbol für Schutz und ihr Kopftuch, das dem einer Nonne ähnelt. Luther als Student wurde von Cranach jedoch nie gemalt. Hier orientiert sich der Künstler an anderen Vorlagen aus der Epoche. 

Beltracchi erwog verschiedene Haltungen Luthers. In dieser Skizze streckt der Jurastudent die gefalteten Händen bittend der Heiligen Anna zu und blickt zugleich aus dem Bild zum Betrachter.

Diese Skizze für das Gemälde zeigt Martin Luther, der im tosenden Gewitter unter einem Baum Schutz sucht. Als der Blitz neben ihm einschlägt, geht er zu Boden und ruft die heilige Anna um Hilfe.

In Vorarbeiten für das Gemälde in der Handschrift von Lucas Cranach d. Ä., skizziert Wolfgang Beltracchi den flehenden Gestus, in dem Lucas Cranach d. Ä. den späteren Reformator hätte malen können. Beltracchi entscheidet sich für eine Geste der Offenbarung. Luther hebt die Hände und den Blick ergeben zum Himmel. Denn jetzt weiß er, er will Mönch werden.

Der Hirsch gilt in Nordeuropa als Symbol für die Erlösung und den Sieg des Christentums über das Böse. Wolfgang Beltracchi experimentierte in einer Vorstudie mit der Bewegung des Hirschs. Soll sich das Tier gemessen nähern, aufbäumen, oder fliehen?

Beltracchi legt nun das Gemälde in Farbe an. Während alles Natürliche feststeht, spart er die symbolträchtigen Elemente noch aus und erprobt ihre Farbgebung auf einem extra Blatt.

In dieser Studie in Aquarell hüllt Beltracchi die Heilige Anna in einen grünen Mantel. In christlichen Abbildungen steht dieser für die Hoffnung auf Wandlung und Erneuerung.

Martin Luther erhält ein rotes Gewand. Rot als Farbe von Feuer, Blut und Liebe steht im übertragenen Sinn für die Begeisterung, das „Brennen“ für Gott. Karminrot gilt als Zeichen tiefen Glaubens.

Die deutsche Renaissance ist für ihre Detailgenauigkeit bekannt und geschätzt. Die Maler arbeiten an den zentralen Partien minutiös mit Hilfe von Vergrößerungsgläsern. Mit feinstem Pinsel unter starker Lupe malt Beltracchi die Heilige Anna.

Deutsche Renaissance

Albrecht Dürer und Lucas Cranach d. Ä. sind die Galionsfiguren der Deutsche Renaissance. Auch Hans Baldung sowie die Donauschule prägten die deutsche Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts.

1. Mut zur Wahrheit

Die naturgetreue Abbildung des Menschen steht im Mittelpunkt der deutschen Renaissance-Malerei. Nichts wird mehr beschönigt: hängende Brüste, dümmlicher Gesichtsausdruck, fahle Haut – Hauptsache nah an der Realität.

2. In den richtigen Proportionen

Mit seinem unnachgiebigen Streben nach Realitätsnähe setzt Albrecht Dürer neue Maßstäbe in der Verhältnismäßigkeit der Formen. In seinem schriftlichen Hauptwerk „Vier Bücher von menschlicher Proportion“ stellt er seine naturalistischen, systematischen Untersuchungen des menschlichen Körpers vor. Durch den noch jungen Buchdruck verbreiten sie sich schnell in der europäischen Kunstszene.

3. Bedeutungsvoll

Die deutsche Renaissance ist noch stark der Symbolik verhaftet, wie wir sie aus der Gotik kennen. So steht der Mantel für Schutz, Nelken für die Passion Christi, eine Frucht für die Überwindung der Erbsünde, Eichhörnchen und Fuchs als Begleiter des Teufels für das Böse – die Liste der verwendeten Sinnbilder ist lang.

4. Perspektivisch

Auch in der deutschen Renaissance erobert die Fluchtpunkt-Perspektive die Malerei. Eingeführt von niederländischen und italienischen Malern gehört sie bald auch für die deutschen Vertreter zum Handwerkszeug.

5. Produktiv

Die Renaissance-Maler sind produktiv. Allein Dürer erstellt etwa 90 Gemälde, 100 Stiche, 300 Holzschnitte und 400 Buchillustrationen. Uneinholbar für seine Zeit: Lucas Crananch d. Ä.. Rund 5.000 Werke sollen in seiner Werkstatt entstanden sein – mit Unterstützung der Gesellen, die durch eine leicht erlernbare Tupftechnik keine eigene Handschrift hinterlassen.

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