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 Die Siegerwerke werden am 1. Oktober verkündet. 
Wir danken für’s geduldige Warten.

Der Einsendeschluss ist um: Über 100 Künstler und Künstlerinnen sind dem Aufruf der mSE Kunsthalle gefolgt und haben Werke zum Thema „der menschliche Körper“ eingesandt. Das Interesse am Wettbewerb, die Vielfalt und Qualität der Arbeiten haben uns beeindruckt und gefreut. Die Kür der ersten Plätze ist entsprechend schwer und wir nehmen uns dafür noch ein wenig Zeit.

Zunächst präsentieren wir eine Shortlist, in der wir einige besondere Arbeiten nach Gattung geordnet hervorheben und sagen, was uns daran besonders gefällt. Diese Meinung und Deutung ist unsere eigene beziehungsweise werkimmanent und muss nicht der Absicht der Künstler und Künstlerinnen entsprechen.

SHORTLIST GEMÄLDE

Mutiger Junge (2017)

Klaus Soppe
Acrylfarben auf Leinwand, 120 x 90 cm
(c) Klaus Soppe

Im Widerstreit von Raum und Fläche streckt der Junge dem Betrachter ein Messer entgegen als verwahrte er sich gegen jede interpretatorische Annäherung. Bildflächen sind wohl definitionsgemäß unkörperlich; hier ist es gerade die Fläche mit den überdeutlichen Pinselstrichen, die ein scheinbares Volumen scheinbar ablöst und hervortreten lässt. Im Bildraum sind Körper in der Schwebe, im Nirgendwo interpretatorischer Offenheit, wofür es den ganzen Mut des körperlichen Subjektes braucht.

ohne Titel (2010)

Christina Dichtl
Ölfarbe auf Papier, 29,5 x 21 cm
(c) Christina Dichtl 

 Vielleicht liegt es nur an der Sonne, aber der Porträtierte scheint dem Betrachter misstrauisch entgegenzublicken, während sein Körper im Muster von Positiv und Negativ der Vegetation halb auftaucht, halb verschwindet. Unbeschwertes Badevergnügen im Sommer? Die zögerliche Geste des Jungen trägt den Charakter einer Momentaufnahme, den Eindruck des Flüchtigen, das in der Kunst nie ganz eingefangen werden kann. Oder lässt sie die Körperlichkeit eines Augenblicks erst aus dem Dickicht der Gegenwart treten?

Aurora (2011)

Maria Rosina Lamp
Öl auf Leinwand, 90 x 60 cm
(c) Maria Rosina Lamp

Die eindringliche, konzentrierte Ausführung dieses Frauenaktes macht fast vergessen, das nichts in einem Gemälde naheliegend oder selbstverständlich ist, sondern das Ergebnis einer Entscheidung: Der Eigenwert des Pinselduktus, die Tiefe des Raums, die Tönung der Farben, um nur Weniges zu nennen, sind meisterlich abgewogen, um die Stille, Nahbarkeit und Schönheit des Gemäldes sowie die gelassene, hingebungsvolle Stimmung der Figur entstehen zu lassen.

Erinnerungen an räuber und tiger (2011)

Stephanie Kelch-Oncken
Kaseinfarbe auf Holz
60 x 80 cm
(c) Stephanie Kelch-Oncken

Statt des Körpers muss das ganze Interieur die Geschichte der Räuber und des Tigers beschwören. Die Komposition der Muster, Öffnungen und Flächen, das Farbschema und die Lichtführung lassen einen Raum entstehen, den die Kontemplation gern ausfüllt — körperlich-subjektiv. Der Körper als Objekt des Bildes erscheint allemal als Gegenstand, ist wie diese aber fein und empfindsam gestimmt.

Hecht (2018)

Dany Mayland
Öl und Acryl auf Leinwand, 60 x 90 cm
(c) Julius Papst/bildpark gallery

Das Bild scheint eine kleine Geschichte zu erzählen und kämpft in einer leuchtenden, reduzierten Landschaft gegen den abgestandenen Klang der Redewendung vom tollen Hecht: Etwas trashig darf es beim Nacktbaden schon zugehen, für Gefahr (d. i. Hecht im Wasser) und Abenteuer ist gesorgt und auch ein eher weicher Männerkörper ist lustvoll genug, wenn er sich vor Schilf und Weite mit theatralischer Geste für den Betrachter entblößt.

Neverland (2009)

Heike Ratfisch
Ölkreide auf Leinwand, 140 x 110 cm
(c) Heike Ratfisch

Ein probater Zug der Perversion ist die Erhöhung des aus dem Ganzen gelösten Teils, wofür die Kunst qua ihrer unvermeidlichen Auswahl stets empfänglich scheint. Die Lokalfarbe, die die einzelnen Elemente separiert, die Blumen, die ans Denken in Analogien gemahnen, die Reihung der zitzenhaften, tropfenden Blasen und der steife Faltenwurf des Tuches tragen ihren Teil bei, um den nackten Knien den Vorzug vor dem ganzen Körper (oder gar der Person) zu geben. Die Wolke nackter Leiber verfolgt einen umgekehrten Weg der Erotisierung

Vierzehnheilige (1994)

Wolfgang van Elst
Acryl auf Leinwand, 240 x 200 cm
(c) Wolfgang van Elst

Im, sagen wir, grenzgängerischen Sfumato hat sich der Körper aufgelöst und der Hauch eines Gesichts mit geschlossenen (?) Augen und geöffnetem (?) Mund ruft die Erinnerung an das Verschwundene wach. Für das innigste Wünschen, das innigste Sehnen ist der Körper so unkörperlich wie das Gespenst der Wolken, in dem wir Bilder sehen, und von Anfang an war im Körper — man beachte den katholisch klingenden Titel — der Hauch Seines Geists. 

Schlafes Bruder (2017)

Xaver Victor Schneider
Ölkreide und Holzfarbe auf Leinwand, 60 x 90 cm
(c) Xaver Victor Schneider 

Der Körper als Resonanzkörper der Umgebung (und umgekehrt): Die Textur des Hintergrundes scheint im sehr plastischen Körper mit geröteter Kontur schimmernd nachzuklingen, ansonsten ist der Körper dekontextualisiert — es ist nicht klar, ob er liegt oder steht und das Bild gedreht ist  — wobei insgesamt die Betonung der Künstlichkeit die Sinnlichkeit des Aktes betont. Das titelgebende Buch haben wir nicht gelesen.

weibs (2018)

Ina Kohlschovsky
Öl auf Leinwand
80 x 100 cm
(c) Ina Kohlschovsky

Der Körper in Uniform — auch so geht Gemeinschaft: Die meisterliche Wiedergabe des kühl schimmernden Stoffes, der bleiche Komplementär- und der Hell-dunkel-Kontrast stehen im Missverhältnis zum lebenssatten Motiv des Reigens; die kopflosen Figuren verschmelzen im Schatten auf dem Grund, das Sprungseil verbindet und gibt dem einzelnen vor, wann und wie hoch er zu springen hat.   

Tina (2018)

Gabriele Pöhlmann
Acryl auf Leinwand, 160 x 135 cm
(c) Bettina Krinner

Das Porträt entfaltet in der Gegenüberstellung mit starker Kontur, feineren Grauwerten und in der Balance von Symmetrie und Asymmetrie eine starke Präsenz; die Figur vereint Individualität und Charakteristiken eines Typus, der zugleich anschaulich macht, dass der Körper ein Medium der Kommunikation und der Positionierung in einem Zeichensystem ist. 

SHORTLIST SKULPTUR

Chillen (2016)

Luis Höger
Bronze, 9 cm (H)
(c) Luis Höger

Die Kleinplastik besticht durch die zeitlose Lässigkeit der Haltung, die sorgfältige Balance der Figur und eine Gestaltung, die an Höhepunkte der Kunstgeschichte erinnert. Der menschliche Körper drückt durch seine Haltung eine Stimmung aus und ist dafür nicht weniger entscheidend als der sanfte, verlorene Blick der Figur. 

Exuvia 4 (2015)

Monika Supé
Draht, gehäkelt, 260 x 95 x 95 cm
(c) Monika Supé

 

Sexappeal ist die Markierung einer Oberfläche — in dieser Skulptur bleibt allein die Markierung, Oberfläche und Körper sind verschwunden. Die üppigen Formen, halbdurchsichtig, aus Maschen, verwachsen, clean, lebensgroß, führen vor, wie Begehren, Konstruktion und Repetition (Häkelei!) zusammenhängen könnten.

ohne Titel (2017)

Stefan Hauser
Lindenholz, 110 cm (H)
(c) Stefan Hauser

Das Handtuch um den Kopf verweist auf einen intimen alltäglichen Moment und zugleich auf Frauenbilder des siebzehnten Jahrhunderts. Das Gesicht ist fein gezeichnet, der Blick in sich gekehrt. Mag man im ersten Augenblick wegen der perfekt gearbeiteten Oberfläche an eine Pin-up-Ästhetik gedacht haben, beredet das warme Material des Holzes bei näherer Betrachtung zu einfühlsamer Stille. 

SHORTLIST ZEICHNUNG/GRAFIK/AQUARELL

Zeitlos-Wandel I (2012)

Sophie Frey
Aquarell, geformt, ca. 55 x 45 cm 
(c) Sophie Frey

Das Aquarell ist eine zarte Technik und so ephemer wie die Jugendschöne — dieses gibt dem Gesicht den scheuen Blick behaubter Frauen langvergangener Jahrhunderte in noch ephemereren Falten, deren Körper (also: der Frauen) ins Dunkel der Faltenwürfe geraffter Kleider, der Interieurs oder schlicht der Geschichte gebannt waren.

Existenz 4 (2018)

Monika Supé
Bleistift auf Papier
60 x 80 cm
(c) Monika Supé

Mit dem Bleistift ist diese sehr plastische Darstellung eines Frauenkörpers entstanden, nicht als bloß kunstfertige Schraffur, sondern als feinmaschiges Gewebe mit den Laufmaschen und losen Fäden einer artifiziellen Epidermis: der Körper im Gewande von Konstruktion, Repetition und Reproduzierbarkeit — qua Webstuhl, Handarbeit oder Druck des Kuperstichs. 

Fragmented Fiction 14 (2016)

Nina Annabelle Märkl
Tusche auf gefaltetem Papier, Cutous, 56 x 38 x 5 cm
(c) Walter Bayer

Die Schichten einer albtraumhaften Deutungsarbeit (>>Traumarbeit<<?) werden in dieser fein-konturierten Zeichnung aneinandergefügt als müsse der Raum verzeitlicht oder die Zeit verräumlicht werden — mitsamt Uschebti-Büsten und Homunculi-Apparaten –, um dem Körper auf die Spur zu kommen.

SHORTLIST FOTOGRAFIE

Black in line (2020)

Jan-Gabriel Dobroschke
Digitalfotografie
(c) Jan-Gabriel Dobroschke

 

Die Arbeit reduziert das Medium der Fotografie auf den Scherenschnitt: Im Gegenlicht dominiert die Kontur des Mannes indes die Dunkelheit die kreatürlich-sinnliche Präsenz des menschlichen Körpers in einer politisierten Ausnahme-Sphäre herausstellt.

Annette (2005)

peppu
Analoges Foto, digitalisiert, koloriert, 20 x 30 cm
(c) peppu

Vergänglicher als der warm kolorierte Körper ist die präzise Stimmung der Welt, die er bewohnt: Die Arbeit ordnet den umgebenden Raum zur gut rhythmisierten Kulisse einer zärtlich-banalen Erinnerung, und knüpft an die kunstgeschichtliche Engführung von Akt und Interieur — seis Bonnard, seis die Factory — an.

Invasion (2013)

Andreas Maria Kahn
Digitalfotografie
(c) Andreas Maria Kahn

 

Die  Bedeutung, die wir dem Gesicht beimessen — wir müssen Stimmungen, Blicke, Intentionen verstehen –, wird in dieser Arbeit in aller schaurigen Irritation vorgeführt, wo die der Sonne zugewandten Körper zum krabbelnden Beiwerk einer Persona/Maske werden, deren Uniformität ebenso verstört wie die scheinbar verrenkte Nacktheit im formbaren Sand.

Teilnahme

 

Erbeten waren Werke jeder Gattung der bildenden Künste aus der Region, d. h. von Künstlern und Künstlerinnen der Landkreise
GAP, OA, WM, TÖL, STA, LL, MB und M. Das Thema konnte im Werk auf verschiedene und freie Weise aufgegriffen sein: als Aktzeichnung, Bewegungsstudie, Porträt, abstrahierte Skulptur, anatomisch, emotiv, poetisch, politisch, biografisch, archetypisch, jungsteinzeitlich, postmodern, banal, nihilistisch, lasziv, transzendent …

Unsere Jury wählte aus allen Einsendungen die bestechendsten Arbeiten aus und stellte die Werke auf dieser Seite vor. Wir küren nun die ersten drei Plätze. Das Siegerwerk wird in der mSE Kunsthalle ausgestellt.