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Anna Bogouchevskaia
Arche Noah
Bronze, 190 x 70 x 125 cm
Sammlung von Christian Zott

 

Das deutsche Wort „Arche“ geht auf das lateinische „arca“ als Übersetzung der hebräischen Bezeichnung für Kasten zurück, und während Luther in seiner Übersetzung von einem solchen spricht, rückt die Einheitsübersetzung das Gebilde mit dem Spezialbegriff Arche ins Einmalig-Ungewisse. Einmalig und unvergleichlich ist sicher die Aufgabe: Noah soll, so gebietet es Gott, einen Kasten bauen, auf dem er mit seiner Familie und den Vertretern von Vögeln, Vieh und Kriechtieren die Auslöschung aller anderen Erdbewohner überstehen kann. Dazu erhält er präzise Anweisungen; die Stockwerke, das Material und die Abmessung werden ihm vorgegeben und in der Bibel überliefert, sodass sich später Sakralbauten auf die Maße (300 x 50 x 30 Ellen, wobei eine Elle eine Länge zwischen 40 und 53 cm bezeichnet haben muss) beziehen können oder gar Nachbauten des Kastens versucht worden sind.

Vielleicht ist diese Präzision, die technische Machbarkeit suggeriert, der Grund, warum die Arche der wohl beliebteste Angriffspunkt halbstarker Atheisten ist. Die Geschichte von Noah und den Tieren aus der Kinderbibel noch deutlich in Erinnerung, lässt man die frischerworbenen Kenntnisse aus dem Biologieunterricht als Reihe staunender, spekulativer oder polemischer Fragen auf die Gläubigen los: Warum hat Noah die Tsetsefliege gerettet? Haben wirklich 350.000 Käferarten paarweise auf der Arche Platz? Wie entscheidet er, welches Tier gerettet und welches verfüttert wird? Wie viele Dinosaurier hat Noah mitgenommen und danach in Erdschichten aus der Trias vergraben? Wie sind seine Nachkommen mit dem Inzest umgegangen? – Die zuweilen kongenialen Antworten einer buchstäblichen Interpretation des Textes werden hier übergangen, doch auch den sinnbildlichen Deutungen, die auf einen Flutmythos in anderen Kulturen, auf Urerfahrungen des Menschen, Verantwortung für die Schöpfung, Rettungs- oder Abschottungsphantasien von Familieneinheiten verweisen, sollen hier nicht weiter verfolgt werden, bleiben diese Hinweise ins sehr Allgemeine, wie tief gedacht und interessant sie auch sein können, gegenüber der Anschaulichkeit des biblischen Berichts meist etwas unbefriedigend.

Die Bildhauerin Anna Bogouchevskaia greift das Thema der Arche Noah in ihrem gleichnamigen Werk anschaulich und buchstäblich auf. Die Arche ist hier ein Kasten, ein Bronzeblock im Hochformat, aus dessen Fenstern drollige Figuren schauen: Tiere, wie Gans und Elefant, und acht Menschen, neugierig, erstaunt und erschrocken recken sie Köpfe und Arme heraus. Die Künstlerin hat sich in ihren Werken intensiv mit Puppen beschäftigt und nutzt hier die unmittelbar zugänglichen Figuren zu einer detaillierten, überschwänglichen Vergegenwärtigung der Arche. So bewahrt die „Arche Noah“ zum einen die anschauliche Form unserer Erinnerung an die biblische Geschichte und zum anderen als Bronzeskulptur buchstäblich die von der Bildhauerin gestalteten Formen.

Im vermeintlich naiv gestalteten Ausdruck der Figuren sind die Gefühle der Sorge, des Erstaunen, Schrecken und Zuversicht enthalten, die zur Handlung zur tieferen Bedeutung der biblischen Erzählung führen. Am Ende der Flut schließt Gott mit Noah einen Bund, als ersten der Bundesschlüsse, die nach christlichem Verständnis in der Passion vollendet werden: Die Schöpfung wird nicht vernichtet werden, sondern erlöst.

 

Anna Bogouchevskaia (geb. 1966) ist die Tochter eines Bilhauerehepaars. Sie studierte Bildhauerei im Moskauer Kunstinstitut Surikow und anschließend an der Russischen Kunstakademie als Meisterschülerin von Wladimir Jefimowitsch Zigal. 1994 zog sie nach Berlin, wo sie prestigeträchtig den Märchenbrunnen im Von-der-Schulenburg-Park in Neukölln gestaltet hat. 

Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren: Ich bin es. Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Wildtieren der Erde bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind, mit allen Wildtieren der Erde überhaupt. Ich richte meinen Bund mit euch auf: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch verdirbt. Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde. Und Gott sprach zu Noach: Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde aufgerichtet habe. 
(Genesis 9,8–17)