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Hans Panschar
Nägel mit Köpfen, 2019/20
Eichenholz, geschwärztes Eichenholz, 280 cm, 250 cm, 240 cm (H)
Leihgabe des Künstlers

Hans Panschar folgt der selbstgewählten Regel, in seinen Werken keine menschliche Figur darzustellen, eine ungewöhnliche Beschränkung für einen figurativen Bildhauer, da der menschliche Körper das hauptsächliche, mitunter fast alleinige Thema der skulpturalen Tradition ist. Auch der Tierskulptur, dem zweitplatzierten Bildhauerthema der Kunstgeschichte, gilt nicht sein Interesse, sondern dem, was als Beiwerk einer Figur oft vernachlässigt worden ist: den gefertigten Gegenständen, die den Menschen im alltäglichen Leben umgeben und seit längster Zeit begleiten können. 

Dazu gehören neben anderen Stühle, Nägel, Streichhölzer, Löffel und Gabeln, Dinge also, die in die Gewohnheiten und Handlungen eines Menschen so einbezogen sind, dass sie kaum auffallen, leicht übersehen werden, die aber – betrachtet man sie recht – intimen Aufschluss über das Leben geben können, über das eigene wie das große Ganze. Die Philosophie kennt dafür den Begriff Zeug, welches stets unauffällig zur Hand ist, was erst dann bemerkt wird, wenn die Hand im Werkzeugkasten oder der Besteckschublade ins Leere greift.

Hans Panschar greift diesem Störfall vor, indem er die unauffälligen Dinge in seinen Skulpturen in Szene setzt, wie die drei „Nägel mit Köpfen“ auf dem Skulpturenweg. Aus Eichenholz in krummen und kantigen Formen gefertigt, erinnern sie an die Kulturgeschichte des Menschen und werden selbst zu dessen Repräsentanten in charaktervoller Überlebensgröße.

Das Material der „Nägel mit Köpfen“ weist in prähistorische Zeiten zurück, wo Holznägel als eine der frühesten Möglichkeiten, zwei Teile dauerhaft zu verbinden (noch älter sind Schnüre und Knoten), gebraucht wurden. Die ältesten erhaltenen Holznägel sind 7.000 Jahre alt. Im Fachwerkbau sind sie noch lange, in kunstfertigen Schreinerarbeiten bis heute im Gebrauch.

Die Form der Skulpturen ist der Schmiedearbeit der Metallnägel nachempfunden, die den Menschen ebenfalls seit langem begleiten. Die Bibel berichtet von Nägeln aus Metall, nicht nur bei der Kreuzigung, sondern beispielsweise auch von goldenen Nägeln beim Bau des Tempels unter Salomon. Bis ins 18. und 19. Jahrhundert hinein mussten Metallnägel einzeln geschmiedet werden. Dass man heute den Nagel als prototypisches Massenprodukt in tausenden Hunderterpackungen aus dem Baumarkt kennt, erklärt vielleicht die eigenartige Rührung, die ein geschmiedeter Nagel, den man irgendwo in die Hände bekommt, fast unweigerlich hervorruft.

Hans Panschars „Nägel mit Köpfen“ betonen die Verbindung von geschmiedetem Nagel und Mensch durch das Format. Mit einer Länge zwischen 2,4 und 2,5 m überragen die beiden stehenden Nägel zwar den Betrachter oder die Betrachterin, aber nicht so sehr, dass darin nicht ein gekrümmtes Individuum mit Charakter wiedererkannt werden könnte. Dass solche etwas scherzhaften Assoziationen gestattet sind, verbürgt der Titel. Der dritte, längste Nagel darf (behutsam) als Sitzbank verwendet werden und lässt an seinem Standort am Weiherweg den Blick auf die Kappelkirche zu, die früher wegen einer inzwischen (1703) geraubten Blutreliquie ein bedeutender Wallfahrtsort war.

Wenngleich für den Künstler die allgemeinen zivilisatorischen Verdienste des Nagels entscheidend sind, legen der Aufstellungskontext und die Dreizahl der Nägel eine genauere Betrachtung der Rolle des Nagels in der Passionsgeschichte nahe. Neben dem Kreuz, der Dornenkrone, der Geißelsäule, dem Essig-Schwamm, der Lanze und dem Schweißtuch der Veronika gehören die Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wurde, zu den sogenannten Leidenswerkzeugen.

Ihre Darstellung findet sich in zahlreichen Kirchen, so auch am rechten Seitenaltar der Oberammergauer Kirche über dem Kreuz, vor dem das Festspielgelübde abgelegt wurde. Der linke Seitenaltar in Oberammergau zeigt den Ratschluss zwischen Gottvater und Jesus vor dessen Geburt: Jesus wird durch seinen Tod die Menschheit erlösen. Weil die Nägel wie die anderen Leidenswerkzeuge in diesem Heilsgeschehen auftreten, sind sie für die christliche Tradition keine bloßen Folterwerkzeuge, sondern positiv besetzt und erzählen in ihrer Darstellung vom Menschen.

Hans Panschar

 

1995 Gründung von Familie, Werkstatt und Bildhaueratelier in Berg am Starnberger See. Seitdem seßhaft
1995 Meisterschule für das Schreinerhandwerk, München
1993–1995 Anstellung an der TU München. Leitung der Schreinerei am Lehrstuhl für Ergonomie
1991–1993 Charterreisen als Skipper auf der „Pukuri“ im Mittelmeer und Atlantik. Erste Treibholzbilder
1989–1991 Bau des Hochseekatamarans „Pukuri“ in Lübeck
1985–1988 Ausbildung zum Holzbootsbauer, Bootswerft Glas
1983–1985 Weltreise, Asien, Australien, Süd und Nordamerika
1982 Windsurflehrer in Italien
1979–1981 Fachoberschule für Gestaltung, München
1962 geboren in München

So überzog er das Haus, die Balken, die Schwellen, seine Wände und Türen mit Gold und ließ in die Wände Kerubim einschnitzen. Er schuf den Raum des Allerheiligsten. Seine Länge betrug zwanzig Ellen, der Breite des Hauses entsprechend, und seine Breite zwanzig Ellen. Er überzog es mit echtem Gold im Gewicht von sechshundert Talenten. Für die Nägel verwendete er Gold im Gewicht von fünfzig Schekeln. Auch die Obergemächer ließ er mit Gold verkleiden. Im Raum des Allerheiligsten ließ er zwei Kerubim als gegossene Standbilder anfertigen und mit Gold überziehen. (2. Chronik 3,7–10) 

Vom Weiherweg aus zu sehen: Am nördlichen Dorfrand von Unterammergau ragt der spätgotische Turm mit Spitzhelm der sogenannten Kappelkirche auf. Die Kirche heißt auch „Heilig Blut“, weil sie auf das Heilige Blut Jesu geweiht ist, von dem eine Reliquie in der Kirche verwahrt wird. Die Reliquie ist ein Stück vom Schleier Marias, der Tropfen von Jesu Blut aufgesaugt hat, allerdings ist an dem in der Kappelkirche verwahrten Stück des Schleiers kein Blut. Die heutige Reliquie kam 1734 aus Italien nach Unterammergau, um eine frühere Heilig-Blut-Reliquie zu ersetzen, die im Spanischen Erbfolgekrieg geraubt worden war. Diese ersten Blutreliquie hatten die Welfen im 11. Jahrhundert akquiriert und gestiftet. Sie war so wertvoll, dass Die Kappelkirche lange Zeit ein bedeutender Wallfahrtsort war und auf alten Landkarten als „Heilig Blut“ vermerkt ist.