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Getanzte Bilder

Ballets Russes

1909–1929

Ballets Russes: Alle Künstler auf die Bühne

Es ist eine Zeit des Umbruchs und der inneren Zerrissenheit. Anfang des 20. Jahrhunderts treiben die Ingenieurwissenschaften die Industrialisierung in atemberaubendem Tempo voran. Die daraus folgende Verstädterung verändert grundlegend die sozialen Strukturen: Die einen nutzen ungeahnte Chancen, andere verlieren den Halt. Auch das rationale Weltbild bekommt durch Entdeckungen wie die Relativitätstheorie schon wieder Risse. In dieser irritierten Aufbruchstimmung sind Europas monarchische Regierungssysteme nicht mehr zeitgemäß, nationalistische Tendenzen machen sich breit und eine extreme Militarisierung verunsichert die Menschen. So schwankt die Gesellschaft zwischen Zukunftseuphorie und Zukunftsangst.

Und was macht die kulturelle Avantgarde aus dem Gefühl von Aufbruch und Ohnmacht? Sie flieht in ästhetische Gegenwelten und feiert – schwelgerisch, frivol bis dekadent – den Bruch mit alten Werten. Wie kaum eine andere künstlerische Bewegung verkörpern die Ballets Russes über zwei Jahrzehnte diesen Zeitgeist. Von dem russischen Impresario Sergei Djagilew gegründet, haben sie 1909 in Paris ihren ersten Auftritt. Das Ensemble verwirft die Traditionen des klassischen Tanzes und fasziniert sein Publikum mit erotischen Choreographien. Komponisten, Maler, Tänzer – sie machen die Aufführungen der Ballets Russses mit neuen Rhythmen, fantastischen Bühnenbildern und Kostümen zu einem Feuerwerk für die Sinne.

Der russische Intendant Sergei Djagilew gründete 1909 in Paris, dem Zentrum der Tanzkunst, das Ballettensemble, das sich als das bedeutendste des 20. Jahrhunderts erweisen sollte. Die Ballets Russes gelten bis heute als die Avantgarde des Tanzes und beeinflussten maßgeblich ihre Zeitgenossen. Vertreter der Bereiche Musik, Tanz, Theater und bildender Kunst tauschten ihre Ideen und Fähigkeiten intensiv aus. Maler schufen nicht nur Bühnenbilder und Kostüme für das Ballett, sondern ließen sich auch in ihren eigenen Gemälden von den Ballets Russes inspirieren. Dabei war es ganz gleich, welcher Stilrichtung sie angehörten – ob Primitivismus, Surrealismus, Futurismus, Kubismus, Fauvismus – die Ballets Russes faszinierten sie gleichermaßen.

Die Ballets Russes sind Dreh- und Angelpunkt der Künste im beginnenden 20. Jahrhundert. Maler verschiedener Herkunft und Stile treffen sich in Paris und wirken daran mit. Wolfgang Beltracchi bringt den Reichtum an Inspiration in seinem Zyklus zu den Ballets Russes in fünf verschiedenen Handschriften zum Ausdruck. Die dafür gewählten Motive greifen wesentliche Elemente dieses europäischen Kunstphänomens auf. Beginnend mit Tänzerporträts, die Picasso und van Dongen zur Zeit der Gründung der Ballets Russes 1909 hätten malen können. Ein weiteres Porträt gilt dem musikalischen Revolutionär Strawinsky in der Handschrift von Amedeo Modigliani. Eine Hommage an die ausdruckstarken Kostüme und die damals völlig neue Bedeutung des Bühnenbildes liefern zwei Gemälde in den Handschriften von Braque und de Chirico, die an 1923 und 1929 erinnern. Der Zyklus schließt somit mit der Auflösung der Ballets Russes nach dem Tod von Sergei Djagilew im Jahr 1929.

 Der Tanz bildete das Herzstück der Ballets Russes. So widmet sich Beltracchi zu Beginn des Zyklus Ballets Russes zwei seiner schillerndsten und meist bewunderten Tänzerpersönlichkeiten, Vaslav Nijinsky und Ida Rubinstein. 

In „Portrait Ida Rubinstein“ verkörpert die russische Tänzerin als Cleopatra das große Interesse der europäischen Kunstszene an der orientalischen Kultur. Frauen waren das bevorzugte Motiv von Kees van Dongen. Typisch für seine Handschrift: der Verzicht auf Perspektive, mutiger Pinselstrich, intensive Farben. (Foto Beltracchi)

Beltracchi bildet Nijinsky in seiner Rolle als Geist der Rose aus dem berühmten Auftritt in „Le Spectre de la Rose“ ab – in einer speziellen, vom Realismus geprägten Handschrift von Pablo Picasso. Studie Pastell auf Papier. 

Der Tänzer Vaslav Nijinsky wird bis heute wegen seiner wie schwerlos gesprungenen Figuren und seiner Wandlungsfähigkeit glühend verehrt. (Foto Beltracchi)

Igor Strawinskys Musik für das Ballett „Le Sacre du Printemps“ gilt als Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts. Mit klangvoller Rhythmik und Dissonanzen erzeugte die Uraufführung 1913 in Paris jedoch zunächst einen Eklat. 

Wolfgang Beltracchi malt den revolutionären Komponisten in der Handschrift von Modigliani, dessen Werk ebenfalls erst später zum Durchbruch kam. Zeit seines Lebens stießen die minimalistischen, ungeschönten Porträts und „skandalösen“ Akte auf wenig Anerkennung. Charakteristisch sind die langgezogenen Gesichter und blinden Augen, wie schon in der Unterzeichnung zu sehen ist. (Foto Beltracchi)

Wie Picasso und de Chirico entwarf auch Georges Braque Bühnenbilder für die Ballets Russes. Für das Bühnenbild des Comédie-Ballets „Les Facheux“ lehnte sich Braque stark an die Tradition des italienischen Theaters „Comedia dell Arte“ an. Diesen Bezug nimmt Beltracchi auf und kreiert eine Collage, Leinwand auf Karton aufgezogen, Papiers-Peints und Rost, übermalt mit Gouache, Aquarell und Tusche.

Nach seinen Anfängen im Fauvismus und den kubistischen Jahren hatte Braque nach dem 1. Weltkrieg wieder an seine kubistische Periode angeknüpft. Er widmete sich zunehmend Stillleben, die wie gemalte Collagen wirken. Hier eine Vorstudie. (Foto Beltracchi)

Giorgio de Chirico entwarf die Kostüme für das Stück „Le Bal“. Sie alle verkörpern seinen unverwechselbaren Bezug zum Neoklassizismus. Die ionische Säule mit ihren typischen schneckenförmigen Voluten am Kapitell bilden ein zentrales Element. 

Die antiken Säulen wiederholen sich auch in seinen Gemälden dieser Zeit stets. Beltracchi greift de Chiricos Handschrift der 20er Jahre auf und lässt einen der Kostümentwürfe erstmals als Ölgemälde entstehen. (Foto Beltracchi)

Ballets Russes

Das russische Ballettensemble Ballets Russes bindet als übergreifendendes, fast gesellschaftliches Phänomen, die verschiedensten Künste ein. So verpflichtet Gründer Sergei Djagilew namhafte internationale Künstler wie Michail Larinow, Natalija Gontscharowa, Henri Matisse, Léon Bakst, Igor Stavinsky, Pablo Picasso oder Wassily Kandinsky für seine Inszenierungen. Es entsteht eine genreübergreifende Kunstszene, deren Protagonisten sich gegenseitig inspirieren.

1. Revolution aus Russland

Ausgehend von Russland hatte sich das Ballett Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Korsett der Oper befreit und als klassisches, romantisches Ballett weltweit Ruhm und Anerkennung erlangt. Nun, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, treibt mit Sergei Djagilev wieder ein Russe den epochalen Wandel voran. Der Ausdruckstanz bricht mit den Traditionen des klassischen Balletts und bildet mit den Balletts Russes eine Avantgarde, die wir kurz vorher schon in der Malerei beobachten konnten.

2. Alle Wege führen nach Paris

Die Kultur- und Kunstszene trifft sich Anfang des 20. Jahrhundert in Paris. Freigeister wie Picasso, Gertrud Stein, Hemingway oder Strawinsky leben in Frankreich fast Tür an Tür. Neben der Literatur findet die gegenseitige Inspiration vor allem in der Malerei statt und das öffentliche Aufeinandertreffen ihrer unterschiedlichen Stile spiegelt sich in den wechselnden Ausstattungen von Kostüm und Bühnenbild der Balletts Russes wieder.

3. Sinnliche Ekstase

Die Inszenierung „Nachmittag eines Fauns“ von Claude Debussy ist für das Pariser Publikum 1912 ein Schock: Nijinsky hat die Choreografie selbst geschrieben und übernimmt die Rolle des Fauns. Unverblümt und selbstverliebt macht er darin überdeutliche sexuelle Anspielungen und löste eine Debatte um den ästhetischen Wert der Tanzkunst aus.

4. Ein Hauch von Chanel

Nicht nur Maler, sondern auch andere Künstler, darunter die Modedesignerin Coco Chanel, kreieren Kostüme für die Ballets Russes. Neben ihren Zeitgenossen fiel die Stilikone wegen ihrer eleganten, aber doch eher zurückhaltenden Entwürfe auf. Die schönsten und wichtigsten Kostüme für das Ballets Russes wurden von Leon Bakst entworfen.

5. Viel Lärm um nichts?

Die Balletts Russes revolutionieren auch die Musik. Der Komponist Igor Strawinsky schockiert das Publikum mit „Le Sacre du Printemps“ erstmals mit Dissonanzen, Taktwechseln und starken Rhythmen, die die rückartigen und scheinbar ungelenken Bewegungen der Tänzer begleiten. Das Publikum quittiert es mit wütenden Zwischenrufen, Pfiffen und provokativem Gelächter. Nach Schlägereien zwischen Befürwortern und Gegnern zählt der Abend 27 Verletzte – so bewegte der Vorstoß das an feine Töne gewöhnte Pariser Publikum.

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